SEHNLICH

Wie sehnte ich mich nach Dir
als sehnte ich mich nach mir
und als Du verschwunden bliebst,
starb mit Dir der Mensch, der ich war.

Jetzt schaue ich jeden Morgen
aus dem Fenster nervös in die Ferne
und bete inbrünstig, sehnlich, daß
Du nie wieder auftauchst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TEILEN

Ich berühre Dich
denke ich, doch
ich berühre mich

Im Dunkeln
zünde ich mir das Licht
wenn ich Dich zum Funkeln bringe

Es gibt keinen Unterschied
im Dunkeln
zwischen Dir und mir

Ich berühre Dich
Ich berühre mich
Hauptsache, Du lachst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HAUT

Haut ist laut
Vertraut

So vertraut
Sie klaut uns den Einblick,
verbaut uns fein den Eintritt
in die Welt unter der Haut

Gleichart ist nicht immer Gleichart
Unter der Haut …
Umgekehrt.
Welten und Welten von Geheimnissen
sind dadrunter verstaut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MINORITÄTEN

Jede Gesellschaft hat einen Saum,
einen Rand an seinem Außenraum,
weder Abschaum noch nur Schaum;
ein festes Glied, aber klein. Ein Daumen.

Ein Schweigen mit feinem Gaumen.
Alles sehend, alles riechend, alles hörend
Alles meidend, und ergänzend, und störend
Von allem ausgeschlossen, zu allem dazugehörend.

Eine Anklage gegen das Weltgewissen
Eine Infragestellung unseres Begriffs von Wissen:
Warum ist jede Gesellschaft hin- und hergerissen
Zwischen Toleranz und Haß?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANGST

Was verbindet die Welt?
Schmerz oder Liebe oder Gleichgültigkeit?
Schmerz, weil wir einsam sind.
Gleichgültigkeit, weil wir Angst
vor unserem ewigen Liebeskummer haben.
Eine innere Stimme flüstert:
Und die Hoffnung?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEULAND

In den Brillen meiner Mitmenschen
erkenne ich, täglich,
daß ich noch Neuland betrete –
Lange nach dem ich Fuß fasste.

Der überraschte Blick überrascht mich
Der irritierte Blick motiviert mich
Der verwirrte Blick ist klarer als gedacht
Klarer noch als der böswillige Blick.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STATIONEN DER SELBSTFINDUNG

Wann ist eine Beziehung zu Ende?
Am Anfang, als wir zusammen kamen
Ohne zu verstehen, daß wir uns nicht verstehen?

In der Mitte, als wir weitermachten
In der Annahme, auf dem richtigen Weg zu sein?

Am Ende, als wir uns trennten
Weil wir beide schließlich die Wahrheit erkannten?

Oder Jahre später, als wir endlich
Echte Freunde wurden?
Wann ist eine Liebesbeziehung zu Ende?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABHÄNGIGKEIT

Ich hielt den Atem an
Überließ Dir den Sauerstoff
Wurde zum Baum

Du läufst an mir vorbei
Sitzt in meinem Schatten
Beachtest mich kaum

Wenn Du atmest, atme ich
Wenn ich sterbe, stirbst Du
Zurück bleibt nur unser Traum

Traum von Freiheit und Freude
Traum von Wahrheit und Wurde
Traum von Lebensraum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINSWERDEN

Es kreuzten sich
als sich unsere Herzen umkreisten
wie Adler und Falke unter einem Regenbogen
Widersprüchliches

Konkurrierten sich um die desinteressierte Sonne
so lange bis sie verschwommen unterging
Erst dann umschlungen wir die Nacht
teilten uns den Schmerz

und wurden eins.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE FARBEN DER ERDE

Meine Gedanken reisen nach Hause
in die Vergangenheit – Alle, die
mit mir einst die rote Nigerianische Erde
mit ihren nackten peroxidischen Sohlen druckten, die kommen meinen
heimreisenden Gedanken heute Nacht entgegen
und fragen mich, wie es denn ist, dort,
in der Zukunft, in einem Fremdland.
Ich sage ihnen, der Himmel ist blau,
die Sonne ist milder aber es ist die selbe Sonne,
die die äquatoriale Luft entzündete,
und unser Mond lebt auch hier mit mir.
Nur die Erde, die rote Erde, sie fehlt…
Hier ist der Boden braun
und ich bin, nach zehn Jahren, immer noch dabei,
mich daran zu gewöhnen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung