EBBE

Ich war heute Watt wandern
Besuchte den Meeresgrund –
Und das Meer aus der Ferne beobachtete
Wie ich erkundete jeden Fund.
Muscheln und Austern und Krabben
Rund herum und gesund
Eine Auster wanderte in meinen Mund
Und verschwand in meinen Schlund!
Bin ich jetzt ihre Muschel und ihr Watt
Und mit dem Meeresgrund im Verbund?
Kommt nun das Meer mich auch besuchen
Und fluten meinen Herzensgrund? …

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

INNERE GLEICHART

Wie lange dauert es
Bis wir durch die Farben hindurch sehen
Über den Akzenten stehen
Die Nachrichten hinterfragen und umdrehen
Die Klischees umrunden auf spitzen Zehen
Durch unsere Ängste hindurch gehen
Und uns verbrüdern auf der Ebene der Ideen?
Wie lange noch?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANKUNFT

Einst warst Du mir fremd, Land
Eine hohe ungefallene Wand
Wenig Herz, viel Hand
Trügerischer Treibsand
Ich hockte am Rand
Und wusste nicht, wovor ich stand:
Wahrem Wesen oder bloßem Gewand.

Doch der Schmerz ist das beste Asyl
Ich empfinde tiefer als mein Gefühl
Lasse los und spiel nur noch mein Spiel
Die Integration war nicht mehr mein Ziel
Nur die Ehrlichkeit macht stabil
Länger dauerte es danach nicht viel
Und die Mauer fiel.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ATEMZÜGE

Ich mag es
Deinem Atem zu lauschen
Und während Du neben mir schlafend liegst
An den langen Weg hinter uns zu denken
Der mir so kurz vorkommt
Und an den unbekannten Weg vor uns
Der mir endlos scheint.
Ich mag es, Deinen Atem zu belauschen
Und mich in Gedanken mit Dir auszutauschen
Während Du neben mir schlafend liegst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

YVONNE

Wir sind zusammen zu einer Reise aufgebrochen
Haben uns vieles und nichts versprochen
Hatten nur Hoffnung im Gepäck
Kein Zuhause, kein Hafen, kein Versteck

Ich wurde blind und wieder sehend
Ich starb und wurde wieder lebend
Du warst die ganze Zeit da
In aller Selbstverständlichkeit, und nah.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHÄLEN

Im siebten Jahr ihrer Beziehung
War es plötzlich Herbst
Die Gedanken änderten ihre Farben
Die Empfindungen wurden tief, herb, ernst
Die Gefühle, sie fielen langsam zu Boden
Wie die müden Blätter zerlesener Oden.

Abgegriffen der einstige Glücksgriff
Ein Ozean ist zu groß für ein Schiff
Nein, ein Ozean ist nicht groß genug
Für die pochende Sehnsucht…
November nahte sich, sie wurden nackt
Suchten zum ersten Mal zueinander Kontakt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERBORGENE LIEDER

Meine Gitarre
Da sitzt Du in Deinem Schweigen
Gehüllt, als trügest Du nicht die tausend Lieder
In Deinem Herzen.

Meine vertrautesten Freunde schweigen mit mir
Denn sie tragen in ihren Herzen
Alle unsere geteilten Erinnerungen
Von Hoffnung, Leid, Freude, Schmerz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WENN EINER STIRBT

Ich denke an Dich
Und weiß nicht, wo Du bist
Wie kann das sein?
Einst der wichtigste Mensch in meinem Leben
Einst der engste Verbündete in meinem Streben
Wir haben uns gegenseitig
Alles gegeben und alles vergeben
Doch lag es irgendwo in unserem Weben
Daß wir so früh getrennt sein sollten
Ich bin hier geblieben
Du bist abgeschieden und bist jetzt irgendwo
In der großen weiten Schöpfung
Und ich weiß nicht wo
Du bist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BEWEISFÜHRUNG UNSERES ENTWICKLUNGSSTANDES

Die Welt ist noch nicht weit genug
Der Weiße ist immer noch überrascht
vom Anblick eines Schwarzen im Weißen Dorf
Der Schwarze ist immer noch überrascht
vom Anblick eines Weißen im Schwarzen Dorf
Geschweige denn, wenn der eine
die Sprache des anderen spricht
und menschliche Eigenschaften auslebt
über die der andere alleinigen Anspruch erhob
Die Welt überrascht noch zu sehr die Welt
Die Welt kennt immer noch nicht die Welt
Die Welt ist noch nicht weit genug
Die Menschenwelt.
Die Frage ist:
Fehlentwicklung? Oder fehlende Entwicklung?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEUTSCHE AUSLÄNDER

Es gibt so viele Menschen
die Deutsch sein wollen –
Nein, sie leben nicht im Ausland

Sie leben in Deutschland
haben den deutschen Paß
und sprechen die deutsche Sprache

Manche wurden in Deutschland geboren
sind in Deutschland zur Schule gegangen
und wollen jetzt sein, was sie sind

Nur eines sind sie aber nicht
Sie sind nicht Weiß
Mehr nicht

Und wenn sie sich umdrehen
und weggehen
verschwindet ein Stück Deutschland für immer.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung