VERMEHREN

Wenn ich Gedichte den Armen,
Gedanken den Verlorenen,
Lächeln den Einsamen,
Dienste den Alten,
Liebe den Verlassenen,
und mich Dir
geben würde, was hätte
ich dann noch übrig für mich?
Nichts? Oder alles?
Oder mehr?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

KLEINE ERWACHSENEN

Die Kinder machen gut mit
als können sie besser lesen
die Seele der Schöpfung und
die Herzen der Erwachsenen
als wir die ihren…

Sie schenken uns Lächeln
wenn wir nachdenklich werden
heitern uns mit ihrem Blödsinn auf
und suchen uns ab und zu auf, einfach
nur um uns kurz in die Augen zu schauen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ES NIMMT UNAUFFÄLLIG ABSCHIED

Lange nach dem Du Deinen Lieblingsmensch
das letzte Mal sahst
realisierst Du erst
daß das das letzte Mal war
so unauffällig wie es war

Lange nach dem Du an Deinem
Lieblingsort
das letzte Mal warst
realisierst Du plötzlich
daß das das letzte Mal war
so unscheinbar der Abschied war

Lange nach dem Du eine
schöne stinknormale
Zeit oder Lebensphase hattest
dämmert es Dir langsam
daß das die beste Zeit Deines Lebens war
und Du warst so unaufmerksam.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

BLÄTTER WENDEN

Manchmal steht so viel zwischen uns
die Worte reichen nicht mehr aus
Ich stöbere im Wörterbuch unserer Liebeskunst
wie ein Geist in einem leeren Haus.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

STILLEN

Deine Brust
Gib mir Deine Brust
Ich schreibe drauf meine Frust
Dann kannst Du ohne Worte lesen
was Du eh schon instinktiv gewusst
wie meine Gefühle, wild gewesen,
sich nun stillen müssen an Deiner Lust.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

OFFENE FENSTER

Denk an die Einsamen
die sind auch Menschen
und gerade deshalb einsam…

Ruf sie an, oder
schicke eine Nachricht
oder winke von Fenster zu Fenster.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

AUSGANGSSPERRE

Als ob wir alle Tasten des Klaviers
entfernt hätten und weggesperrt
jede für sich alleine, einsam, schweigend
ungehört.

Wir leben in einer Zeit
die vor allem uns eines lehrt:
zu schätzen, wie wichtig das „Wir“ ist.
denn ohne gibt es kein Konzert.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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SOZIALE DISTANZIERUNG

Wir sind die Träger
wenn wir uns zur Verfügung stellen.
Wir sind die Erträger
wenn andere sich zur Verfügung stellen.
Das Virus sucht dringend Soldaten
und Botschafter menschlicher Art.
Die Menschheit sucht simple Heldentaten
zum größten Teil seßhafter Art:
Das Vertragen des eigenen Selbst im Privaten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

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ANNÄHERUNG

Manche werden wir nie wieder sehen
nach diesen Tagen gesellschaftlicher Entfernung
Manche Menschen, manche Sitten, manche Arbeitsstellen
nach Social Distancing, Krankheits- und Todesfällen,
nach Dummheit, Angst, Gier und Vorurteilen.
Drum: Teilet tiefe Blicke und saget „Auf Wiedersehen“,
mit Hoffnung auf eine tiefere Annäherung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VERMISST

Wo bist Du?
Als Du durch die Tür hinaus gingest,
hätte ich nicht gedacht, daß
ich 25 Jahre später immer noch
auf Deine Rückkehr warten würde…
Wo bist Du?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung