VERSÖHNUNG

Der ganze Tag war heute Abend;
In der Früh schaute ich um,
Stumm. Herz und Welt, beide stumm.
Zu Mittag blickte ich hoch,
Der heutige Tag fehlte immer noch.
Spät am Nachmittag öffnete ich mich,
Nichts reimte sich einfach auf mich
Weil heute von Anfang an
Immer Abend war, geduldig wartend –
Wie Frau auf den mutig gewordenen Mann
Harrte Heute die ganze Zeit auf heute Abend;

Auf diesen wunden Moment
Du und ich in unserem zarten Element
Bereit, zu beseitigen gesterns Argument.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

JENSEITS DER GEDANKEN

Deine Gedanken waren
Dir mal fremd
Fremde Gedanken scharen
Sich um Dich –

Schickst Du einen fassbaren
Gedanken Samen aus
Halten sie sich fest und fahren
In Dich ein

Ungehört doch gespürt garen
Sie in Dir
Nehmen Einfluss auf Dein Gebaren
Und weiteres Denken.

Hör auf Dein Herz und Gewissen, Mensch
Tiefer, auf Dein geistiges Lichtempfinden –
Nicht alle Gedanken sind blind zu folgen.
Versuch, die Innere Stimme mit einzubinden.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WELTSICHT

Pangaea sprach
Aus
Bewunderung brach
Aus
Die Rundwanderung
Um die Runde Erde
Krachte in sich zusammen
Kontinenten mit Ecken
Und Kanten
Uralte Bekannten
Mit fremden Augen
Die Welt sehen
Menschen übersehen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

KLEINE KUNST

Der Ton macht die Musik
Die Absicht macht den Unterschied
Zwischen richtig und richtig
Falsch ist immer falsch, auch wenn richtig
Die große Kunst liegt in kleiner Kunst
Schönheit täglich der Schönheit wegen
Und Alles Gute unterstützen

Ich liebe die Rose
Die zornig in der Wüste den Himmel liebt
Ich bewundere die Obdachlose
Die in Frieden mit sich selbst wohnt
Und stolz bei sich ruht
Während die anderen unruhig an ihr vorbei hasten
Überbelastet mit Haben ohne Sein

Wie sehr gönne ich ihr ein Dach
Über ihrer Dornenkrone
Und ein Schloß um ihren Stolz.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

TAG FÜR TAG

Der Tag wie eine Schlange war lang
Wie ein werdender Mensch wechselte er
Mehrmals Charakter, Handschrift, Gang
Fühlte sich am Ende wie ein anderer
Verschwundene Schwan nach seinem Gesang

Ich dachte an Menschen,
Deren Tag in der Freiheit begann
Und im Gefängnis endete – und umgekehrt
Und ich fragte mich: Wann
Sehe ich wieder meinen Bruder heimgekehrt?

Und an jeden Menschen,
Der gestern wie an jedem Tag davor
Und an jedem, der danach noch anbricht
Etwas vermisste, was er einst verlor
Und aller Wandel der Zeit heilt es nicht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

VOLLMOND

Ich fand heute Nacht
Den Mond, rund
Wie ein Kussmund
Reif und aufgewacht

Und ich suchte
Deinen zarten Mund
Sanft-zitronen jung
Im schlammigen Grund
Meiner dunklen Erinnerung

Dann versuchte ich
Ins volle Herz des Mondes
Schmerzes einzubrechen
Denn eine Frau bis auf ihres Grundes
Herz ganz zu lieben, spüre ich,
Ist kein Verbrechen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WEM DU DICH AUFTUST

Stell Dir vor
Du wärest ein Gefäß
Alles, was Du tust
Wäre nur dem gemäß
Wem Du Dich auftust

Stell Dir vor
Deine Stimme wäre ein Echo
Ein letzter Nachklang
Wie Musik aus dem Radio
Du bist ein Schwanengesang

Warum ist
Jeder Mensch schön,
Wenn er lächelt?
Wie ein Wunder Wunder schön
Wenn ungeheuchelt?

Laß Dich
Vom Höheren nehmen
Umgestalten und füllen
Laß Dein jedes Unternehmen
Was Höheres erfüllen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DER TROMMLER

Ich trommle auf Dein Herz
Wie in Afrika, manchmal, nachts
Aus der Ferne landeinwärts

Trommelmusik Geister weckt
Und kündet und, manchmal, nachts
Neue Seiten in Dir entdeckt

Jeder hat eine Seite
Die er nur nachts enthüllt
Weilt die Sonne in der Weite
Hat die See das Land gekühlt
Trommle ich suchend auf Dich los
Rufend afrikanisch auf Dich los
Bis mir die Seite sich zeigt
Die in Dir zum Schweigen neigt.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

STELL DIR VOR

Stell dir vor
du stellst dir vor
Was stellst du dir dabei vor?

Ein grünes blau?
damit wenn ich nach oben schau
Bäume blühen in Wiesen im Tau
kraft deiner Vorstellungskraft
Neue Welt, von dir mir geschafft
und geschenkt –

Und was stellst Du Dir dabei vor?
Tiere mit mehr Menschlichkeit
als Menschen? Sie schreiten
durch die Reihen streitender Menschen
Laden zum Besteigen ein und reiten
durch die blauen grünen Wiesen
bis weit in die fernen Empfindungen hinaus
wo wir von ihnen lernen
in Frieden mit allen und mit einander
zu leben.

Du liegst in mitten der grünen Lächeln
auf den blauen Feldern…
Kannst Du Dir das vorstellen?

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HINTER DEN KULTUREN

Zugvögeln haben es weit
Doch nimmer so weit wie ich es hatte
Wo ich zu Euch her zog

Groß ist die Welt – und weit
Und Kulturen sind Wände
Hoch und hart, ohne Tür und Fenster

Doch genau so wie der Himmel
Kracht und lacht sein krummzackiges Lächeln
Aufgehellt für einen Augenblick

Gibt es in der Wand manchmal
Einen Riss, und ich schaute hinein
Und sah, überrascht, Menschen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung