DER LÄRM

Der Lärm hat Körper, hat Gesicht,
hat Stimme, hat Präsenz, hat Gewicht,
hat System als Gesetz, als Kultur,
durchdringt Gesellschaft und Natur,
und ist unser Leben von Geburt bis zum Tod,
von uns ausgehend, uns umhüllend, wie Od.

Wo findet der Mensch für einen Augenblick
das Schweigen, die Ruhe, der Seligkeit Glück,
um zu erahnen und erfüllen sein wahres Geschick?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VON HEIMAT ZU HEIMAT

Wie viele Gedanken fallen
dem Regentropfen ein
während er langsam fällt
von Wolke zum Stein?

Denkt er an seine Heimat
die er für immer verlässt?
Denkt er an seine Heimat,
der er nähert und bald nässt?

Du verlässt Deine Heimat
und kommt wo anders an;
Und siehe: Du bist Zuhause
in einem neuen Land.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FELSENHARTE GESICHTER

Felsenharte Gesichter wie unter Verschluss,
die allmählich aber nach dem ersten Gruß
und spätestens nach dem ersten Lächeln
sich in Sonnenblumen plötzlich umwandeln.

Innerliche Zartheit braucht äußerliche Härte:
Alle dürfen heran, aber wenige dürfen hinein.
Angebliche Grobheit schirmt oft wahre Werte,
Das Schwert steckt nicht umsonst fest im Stein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SCHUTZENGEL

Wenn Du ahnungslos, freundschaftlich,
mitten unter Feinden gehst,
naiv und ungeschützt da stehst…
denn für Dich ist es selbstverständlich:
Hier sind sie alle Mensch und menschlich…

Welche Engel beschützten uns ungesehen?
Wir merken das Wunder nicht;
trotz Dunkel scheinet das Licht.
Der Verstand kann es nicht verstehen,
Du überlebst und Dir ist nichts geschehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SCHÖNE DINGE

Die kleinen schönen Dinge
Vorbei flatternde Schmetterlinge
Kunstvolle Brücken über winzige Täler
Märchenerzählerinnen und -erzähler
Morgendämmerung in einer neuen Stadt
Musizierende erwischen auf frischer Tat
Fremde Menschen lesen
Unsichtbare märchenhafte Naturwesen
Gedanken, die uns mit Höherem verbinden,
die kurz kommen und schnell verschwinden
Das Empfinden von Zuhause-sein
im geteilten Blick mit Deinem Schatzilein
Aber das Beste von allem ist
das Ahnen, daß Gott ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FREMDE STADT

Ich laufe durch die Stadt.
Ich spaziere durch die Gefühle der Passanten
Und sehe diese an ihrer Statt.
Ihre Gefühle sind Weltwanderer, sind Migranten.
Die Menschen hier sind mir zwar fremd und neu,
doch ihre Gefühle gleichen mir Bekannten, detailgetreu.

In den einen Augen unzählige Fragen;
In den anderen: Ich habe hier das Sagen;
In anderen: Du bereitest mir Unbehagen,
Du hier? - Wie konntest Du das wagen?

In den einen Augen tastende Unsicherheit;
In den anderen Sehnsucht nach Wahrheit;
In anderen Erkenntnis der Mitmenschlichkeit;

In den einen Augen klarer Verbindungsverzicht:
Ablehnung oder Gleichgültigkeit? Weiß ich nicht.

Doch manche sind einfach nur scheu.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

AN GOTT DENKEN

Sonnenstrahlen gehen leise spazieren
morgens tief im leeren Laubenwald,
heben die Köpfe, die zitternd frieren,
und schieben sie in jeden dunklen Spalt
zwischen Wurzel, Äste und Zweige hinein,
grüne Blätter gibt es hier nicht mehr
oder noch nicht, die Januarluft ist rein,
ich sitze allein im Bus, allein ungefähr,
drei Mitfahrende sind auch hier drinnen,
meine Aufmerksamkeit gilt nur dem Wald,
sonnengestreichelt, und mein Sinnen
gilt Gottes allumfassendem zarten Gewalt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STROMWANDLER

Spürst Du auch manchmal diese Liebe,
stärker als Sucht, stärker als Triebe?
Diese überwältigende Liebe in Deiner Brust -
für was oder wen, ist Dir nicht bewußt.

Sie weckt Dich nachts zum nachdenken,
sie macht Dich Tags zum Träumenden,
sie erfasst manchmal urplötzlich Dein Herz
mit einer Druckkraft intensiver als Schmerz.

Du willst sie in Taten spenden und empfangen,
sie in allen Augen sehen, als inniges Verlangen.
Woher? Wohin? An wen, was? Wofür?
Dieses umfassende, alles hebende Gespür.

Als wären wir, unruhige Weltenwanderer,
gleichzeitig im Einsatz als Stromwandler
einer liebevollen Kraft von weit weit oben,
die sich verankern will auf irdischem Boden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UMFANG DES DRANGES

Ein schnelles Rein und Raus,
oder auch langsam und lang -
Die Welt ist mein Haus,
immer bereit zum Empfang
des uferlosen Umfanges
des unersättlichen Dranges
des heimsuchenden Hanges.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

DASSELBE LÄCHELN

Wenn Du genug Länder besucht hast
Wenn Du genug Lächeln gesucht hast
und überall wie ein ewiges Darlehen
immer wieder dasselbe Lächeln gesehen
und zurückgespiegelt hast, na dann…
Vielleicht ist da wirklich etwas daran,
wenn gesagt wird, daß wir alle irgendwann
wieder eins werden werden im Gottesplan.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung