Nicht die Größe des Universums, sondern die Tatsache, daß alles Stoffliche zusammen trotzdem nicht groß genug ist, um das Herz zu füllen, ist das Erstaunliche. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Welt und Umwelt
ALS MENSCHEN TREFFEN
Wo können wir uns noch als Menschen treffen? Nicht als Spiegelbilder und Verteidiger der Interessen von Nationen, Kulturen, Völkern, Ethnien, Rassen, Religionen, Gendern, Orientierungen, Ständen, Klassen, sondern einfach als Menschen. Höher als alle diese Identitäten. Verbarrikadiert im Grabenkampf der Identitäten, verloren wie Amnesiekranken in Gruppen-Rivalitäten, gibt es nur noch wenige die für das kämpfen, was wir tatsächlich im Grunde alle sind: Menschen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FREMDBLICKE
Die Augen der Welt sie saugen Dein Selbstvertrauen - Fremdblicke in Fremdenblicken der Nacktheit. Mit Fremdschauen kommt Fremdschämen des Selbsts; stets nachschauend, ob sie zuschauen, Du gibst denen zu viel Macht über Dich, die Dir Deine Freiheit sehend verbauen - sie strafen Dich mit Blicken, die Streife fahren wie Polizisten plötzlich aus den Blauen heraus, Dich im Scheinwerfergericht ihrer Augen fangend, sie werfen den Schein auf und klauen Dir - wenn Du es zulässt - Deine Einsicht, Deine Zuversicht, ja, Dein Selbstvertrauen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE VIELEN MENSCHEN IN DER STADT
Die vielen Menschen in der Stadt, die täglich sich seelisch wappnen gegen die vielen Menschen in der Stadt, treffen in allen Ecken, auf allen ihren Wegen, die vielen Menschen in der Stadt. Dann ignorieren, irritieren, verletzen, erregen die vielen Menschen in der Stadt sich gegenseitig, ohne den Verdacht zu hegen, die vielen Menschen in der Stadt: dieses Sich-aneinander-Reiben ist ein Segen für die vielen Menschen in der Stadt, denn nur so können wir das Miteinander pflegen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ABENDLICHE EMPFINDUNGEN
Wenn der Abend, wie ein Riese, uns mit großen Flügeln umarmt, verdunkelt Straße, Wald, Wiese; wenn Astraios sich unser erbarmt, lässt ahnen die tiefen Paradiese, denn unser Herz hat sich verarmt an unserer Welt unendlicher Krise; Wenn jeder Baum zum Wesen wird, beobachtend den Oktoberabend, still, und Schatten tanzen seltsam und wierd - es fühlt sich an wie ist aber nicht April - die Gedanken, die sich tagsüber herumgeirrt haben, ahnen nun, was die Empfindung will, kehren zu ihr zurück wie Schafe zum Hirt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WARUM SIND SIE SO WÜTEND?
Grau und bewölkt Aber es ist nicht das Wetter Es sind die Gedanken Die Menschen waren mal netter zu einander, ob Gleichartige oder, noch mehr, Fremde Ein Gewitter braut sich zusammen Bringt es das Ende? Warum sind sie so wütend? Der Groll in ihren Herzen klingt wie grollender Donner Der Blitz erlischt die Kerzen - Der Witz, ein Lächeln, Scherzen oder eine liebevolle Tat wie Sonnenlicht durchbricht die Wolke aus Gedanken und Gefühlen. Liebe als Sonnengedicht. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ORTE REDEN
Orte reden mit mir wie Menschen so mit Fremden reden: Unsere Eigenart haben wir hier, geflochten aus unsichtbaren Fäden unserer Bräuche, Wünsche und Geheimnisse. Ich spüre und verstehe ohne Worte jeden Ort, den ich besuche, wirklich jeden. Jeder für sich besonders sind alle Orte, dennoch spüre ich die uns verbindenden Fäden ohne Kenntnis der dahinterliegenden Ereignisse. Menschen wie Blicke treffen sich Menschen wie Blicke meiden sich Menschen wie Blicke verstehen sich Und Häuser, Straßen und, schweigend, Bäume bewohnen bleibend unserer Seelenräume. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BERGSUCHT
Gute Nacht Berge Himmlische Zwerge In meinem Empfinden bitte nie verschwinden Egal wie tief der Fall Egal wie dunkel das Tal erweckt in mir manchmal Eueres Rufes Widerhall… Eueres Rufes Widerhall. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GLOCKENUNTERGANG
Die Glocke leuchtet matt und goldig Sie steckt regungslos im Treibsand Aber Du hörst sie dennoch läuten So stark und rege ist Dein Verstand In Deinem Gedächtnis tausend Glocken Deine Fantasie erledigt den Rest Die Sonne, sterbend am Horizont, dreht durch, dreht sich in ihrem Grab, schreit zum Himmel, schreit zum Mond, Du bist alles, was ich noch hab - In unserem Gedächtnis tausend Glocken Und Fantasie erledigt den Rest. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
NACHMITTAG IN MALABO
Eidechse und ich in der Sonne Lang schweigen wir aber meine Gedanken sie sind laut, üppig, und sie schwanken wie die Palmen in der Hitze Wonne meiner Sehnsucht nach Urwald so dunkel so grün und ewig jung gleichzeitig Erinnerung und Hoffnung - Ich gehe erneut aber ich komme bald wieder, denn die große Welt ist klein Die Welt da draussen ist in uns drinnen Die Sehnsucht nach Zuhause wird gewinnen… Eidechse, jetzt nickst Du zweimal fein und eilst in das Laubwerk hinein, ein Nicken war zur Bejahung ein Nicken war zur Verabschiedung jetzt bin ich mit meinen Gedanken wieder allein. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
