Sonnenstrahlen gehen leise spazieren morgens tief im leeren Laubenwald, heben die Köpfe, die zitternd frieren, und schieben sie in jeden dunklen Spalt zwischen Wurzel, Äste und Zweige hinein, grüne Blätter gibt es hier nicht mehr oder noch nicht, die Januarluft ist rein, ich sitze allein im Bus, allein ungefähr, drei Mitfahrende sind auch hier drinnen, meine Aufmerksamkeit gilt nur dem Wald, sonnengestreichelt, und mein Sinnen gilt Gottes allumfassendem zarten Gewalt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Welt und Umwelt
STROMWANDLER
Spürst Du auch manchmal diese Liebe, stärker als Sucht, stärker als Triebe? Diese überwältigende Liebe in Deiner Brust - für was oder wen, ist Dir nicht bewußt. Sie weckt Dich nachts zum nachdenken, sie macht Dich Tags zum Träumenden, sie erfasst manchmal urplötzlich Dein Herz mit einer Druckkraft intensiver als Schmerz. Du willst sie in Taten spenden und empfangen, sie in allen Augen sehen, als inniges Verlangen. Woher? Wohin? An wen, was? Wofür? Dieses umfassende, alles hebende Gespür. Als wären wir, unruhige Weltenwanderer, gleichzeitig im Einsatz als Stromwandler einer liebevollen Kraft von weit weit oben, die sich verankern will auf irdischem Boden. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UMFANG DES DRANGES
Ein schnelles Rein und Raus, oder auch langsam und lang - Die Welt ist mein Haus, immer bereit zum Empfang des uferlosen Umfanges des unersättlichen Dranges des heimsuchenden Hanges. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DASSELBE LÄCHELN
Wenn Du genug Länder besucht hast Wenn Du genug Lächeln gesucht hast und überall wie ein ewiges Darlehen immer wieder dasselbe Lächeln gesehen und zurückgespiegelt hast, na dann… Vielleicht ist da wirklich etwas daran, wenn gesagt wird, daß wir alle irgendwann wieder eins werden werden im Gottesplan. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GROSSES VERLANGEN
Nicht die Größe des Universums, sondern die Tatsache, daß alles Stoffliche zusammen trotzdem nicht groß genug ist, um das Herz zu füllen, ist das Erstaunliche. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ALS MENSCHEN TREFFEN
Wo können wir uns noch als Menschen treffen? Nicht als Spiegelbilder und Verteidiger der Interessen von Nationen, Kulturen, Völkern, Ethnien, Rassen, Religionen, Gendern, Orientierungen, Ständen, Klassen, sondern einfach als Menschen. Höher als alle diese Identitäten. Verbarrikadiert im Grabenkampf der Identitäten, verloren wie Amnesiekranken in Gruppen-Rivalitäten, gibt es nur noch wenige die für das kämpfen, was wir tatsächlich im Grunde alle sind: Menschen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FREMDBLICKE
Die Augen der Welt sie saugen Dein Selbstvertrauen - Fremdblicke in Fremdenblicken der Nacktheit. Mit Fremdschauen kommt Fremdschämen des Selbsts; stets nachschauend, ob sie zuschauen, Du gibst denen zu viel Macht über Dich, die Dir Deine Freiheit sehend verbauen - sie strafen Dich mit Blicken, die Streife fahren wie Polizisten plötzlich aus den Blauen heraus, Dich im Scheinwerfergericht ihrer Augen fangend, sie werfen den Schein auf und klauen Dir - wenn Du es zulässt - Deine Einsicht, Deine Zuversicht, ja, Dein Selbstvertrauen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE VIELEN MENSCHEN IN DER STADT
Die vielen Menschen in der Stadt, die täglich sich seelisch wappnen gegen die vielen Menschen in der Stadt, treffen in allen Ecken, auf allen ihren Wegen, die vielen Menschen in der Stadt. Dann ignorieren, irritieren, verletzen, erregen die vielen Menschen in der Stadt sich gegenseitig, ohne den Verdacht zu hegen, die vielen Menschen in der Stadt: dieses Sich-aneinander-Reiben ist ein Segen für die vielen Menschen in der Stadt, denn nur so können wir das Miteinander pflegen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ABENDLICHE EMPFINDUNGEN
Wenn der Abend, wie ein Riese, uns mit großen Flügeln umarmt, verdunkelt Straße, Wald, Wiese; wenn Astraios sich unser erbarmt, lässt ahnen die tiefen Paradiese, denn unser Herz hat sich verarmt an unserer Welt unendlicher Krise; Wenn jeder Baum zum Wesen wird, beobachtend den Oktoberabend, still, und Schatten tanzen seltsam und wierd - es fühlt sich an wie ist aber nicht April - die Gedanken, die sich tagsüber herumgeirrt haben, ahnen nun, was die Empfindung will, kehren zu ihr zurück wie Schafe zum Hirt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WARUM SIND SIE SO WÜTEND?
Grau und bewölkt Aber es ist nicht das Wetter Es sind die Gedanken Die Menschen waren mal netter zu einander, ob Gleichartige oder, noch mehr, Fremde Ein Gewitter braut sich zusammen Bringt es das Ende? Warum sind sie so wütend? Der Groll in ihren Herzen klingt wie grollender Donner Der Blitz erlischt die Kerzen - Der Witz, ein Lächeln, Scherzen oder eine liebevolle Tat wie Sonnenlicht durchbricht die Wolke aus Gedanken und Gefühlen. Liebe als Sonnengedicht. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
