VERSUCH ES

Versuch es -
Begegne dem Fremden
als würdest Du einem Menschen
begegnen.

Versuch es -
Begegne einem Menschen
als würdest Du einem Fremden
begegnen.

Wie Du in den Wald hinein rufst
so schallt es wieder heraus.
Nah oder fern, bist Du unter
Menschen, bist Du zu Haus.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHMETTERLING


Im Land der Stille
wächst der Wille –
und wenn er reif
geworden ist und bereit
durchbricht er die Hüllen
denn er will erfüllen
denn er muss erfüllen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAFELBERG

Tafelberg
Mahlzeit
Unsichtbare Riesen
Götterspeisen

Menschenzwerg
entweiht
diese Felsen und Wiesen
wo Wolken kreisen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

 

UNSERE WÄLDER

Am Schönsten ist nicht immer am Tiefsten.
Vorsicht: Wen nennst Du da Deinen liebsten?
Ein schönes Gefängnis ist ein Gefängnis;
Freiheit ist die schönere Schönheit,
Alleinsein ist besser als Einsamkeit,
Ein goldener Käfig ist ein Käfig.

Wenn der Wald in mir anfängt zu reden,
Versteht der Wald in Dir? Oder ist Dein Eden
Hort eines anderen Baums der Erkenntnis?
Eine andere Eva, eine andere Schlange,
Ein anderer Adam. Eine andere Wange
Spürt Deine Tränen, mit mehr Verständnis.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIE EIN GAST LIEGT DER SCHNEE

Wie ein Gast liegt der Schnee,
Zu Besuch, im Wohnraum der Stadt ausgebreitet,
Fremd und doch Zuhause, und unbegleitet,
Wie ein Familienmitglied vom Übersee.

Er hat nicht viel zu sagen,
genau wie ich, Schweigen ist unsere Sprache
des Suchens nach Antwort, Ruhe und Ursache,
In diesen Winternächten und -Tagen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE BÄUME SEHEN ALLES

Sie könnten fast Menschen sein
Wie sie da stehen, still, im dunklen Wald.
Wieso sagen sie nichts? Wir sind allein,
Der Winter ist kalt, die Nacht ist alt,
Die Wolken öffnen ihren Mund dem Mondschein,
Geistern oben im Himmel, unten in Schneegestalt.
Ein Bach, ein ungenaues Tier, ein Grenzstein.
Die Bäume sehen alles, sie sind der Wald.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE WELT IST NICHT GROSS GENUG

Die Welt ist nicht groß genug
Der Geist, er trachtet nach Unendlichkeit
Die Welt ist nicht alt genug
Der Geist, er versteht nur die Ewigkeit

Und fliegt und fliegt und reist und reist
Erschöpft sich an der materiellen Schöpfung
Doch die Welt ist nicht reichhaltig genug
Und er findet nirgends seine Befriedigung

Außer an diesem einen Orte
Bühne des innersten innigsten Geschehens
Tief in seinem eigenen Geiste
Blüht der Bruchteil eines tiefen Ahnens

Dort, wo er den Drang findet
Zum Geben in wahrer Selbstlosigkeit
Dort wo er die Verbindung empfindet
Zur Erkenntnis Gottes unerreichbarer Heiligkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NATURTRIEB

Das Tier stand und mit stetem Blick
beobachtete den Menschen im Wald,
sah kommentarlos seine Ungeschick,
registrierte still, wie er dann bald
sein Vorhaben erreichte mit seiner Technik.

Ich habe klug mit Geschick und Elan
diesen Wald ins Geld verwandelt,
dachte der Mensch. Das Tier nebenan
dachte, wer so dumm und krass handelt,
hat keinen Platz in der Natur Zukunftsplan.

Der Mensch ging und das Tier blieb,
wie zwischen Herz und Kopf eine Kluft,
aus der sich heraus jeder Dichter je schrieb,
und die Frage hing weiter in der Luft:
Wie zeigt sich der wirkliche Naturtrieb?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERKENNTNISSE EINES HERUMREISENDEN

Wir gehen runter
und tauchen auf -
Jede Altstadt wird bunter
beim neuen Umlauf.

Die Strassenstimmen
in unterschiedlichen Sprachen -
Und dennoch, sie stimmen,
ob sie weinen, ob sie lachen,

stimmen sie überein
mit allen Strassenstimmen weltweit.
Die innere Stimme ist niemals allein
Inmitten der Menschheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER HERBST LÄSST LOS

Ich verzeih Dir
Und gedeih in Dir
Gerade deshalb.

Verzeihung ist Macht
Davon wissen ist Macht
Ebendeshalb.

Macht es Dich leicht
Ist es vielleicht
Der Grund weshalb

Du im Herbst gedeihst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung