AUS DER TIEFE

Ich bin aus der Tiefe aufgetaucht
um auf der Oberfläche zu leben
Aber jetzt fehlt mir die Tiefe wieder,
das innere Weilen im ruhigen Erleben
wo ich niemandem gefallen mußte
außer meiner inneren Stimme eben.

Die Sonnenuntergänge waren anders
Die Gespräche inniger und wahrhaftiger
Die Alleinsamkeiten waren nicht einsam
Die Bindungen waren unabhängiger
Klarheit, Sicht und Einsicht waren einerlei
und flüstern jetzt: werde wieder lebendiger

Denn die Oberfläche ist oberflächlicher
geworden - und die Tiefe noch tiefer.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HAUTNAH

Ich spüre Euch so nah
und dennoch so weit
Eure Haut, so nah, trennt uns
Euer Geist, so fern, kennt
und erkennt die Gleichheit,
die unerklärliche Gleichart, in uns
- so weit und doch so nah.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER NEUE ANFANG

Als aus alten Ländern die neuen kamen
mit alten Zügen und neuen Namen
fragten sich manche, in Gruppen und allein,
was bedeutet es, deutsch zu sein?
Andere fragten sich, was haben wir gemein?,
was bedeutet es, Mensch zu sein?
Wir standen wieder an einem Anfang
einer neuen Gleichart, die uns zwang,
zusammen zu ziehen an einem Strang.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE ANDERE MENSCHHEIT

Eine zweite, nein, erste, Menschheit
wohnt tief unter der Oberfläche
der scheinbar herrschenden Menschheit 
wie eine unsichtbare Tragfläche -

Sie besteht aus denjenigen,
deren Geist Gottes Naturgesetze 
schweigend versteht als die alleinigen
Verwalter unser aller Schicksalsnetze. 

Diese Menschen beteiligen sich auch
an Politik, Wirtschaft, Gesellschaft,
an Akademie, Kunst, Sitte und Brauch,
aber sie machen alles gewissen-haft. 

Keiner Nation, Kultur oder Religion
gebührt mehr Treue als Deinem Gewissen.
Die Zukunft braucht neue Vision
und ein in Liebe verwurzeltes Wissen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MIT MENSCHLICHKEIT BEGABT

Wir verwechseln Kunst mit Spiritualität,
genauer: mit geistigem Streben,
obwohl nichts im Geistigen höher steht,
als mit gutem reinem Wollen zu leben -
das einfachste und das schwierigste.

So viele Menschen dünken sich
talentfrei, leer und unbegabt -
aber sie denken dies irrtümlich.
Manche sind mit Menschlichkeit begabt,
das einfachste und das schwierigste.

Täglich, ehrlich, mit anonymster Stabilität
hohe Werte zu verkörpern und zu geben:
Das allein ist die ernste Spiritualität;
das ist das aufbauendste geistige Leben,
das einfachste und das schwierigste.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNNÖTIGE BRÜCKEN

Weil jeder Gedanke zurück kehrt,
schick nur Deine besten von Dir fort.
Weil Dein Wort Dich ehrt oder entehrt,
spürst Du in Deiner Empfindung sofort,
wenn Du es falsch verwenden hast
oder wenn es das Beste in Dir erfasst.

Ich sage nichts mehr,
was ich nicht unbedingt sagen muss.
Wüsste ich dies nur eher,
bliebe manch eine Begegnung beim Gruß
gefolgt von einem klaren Abschied
und, ungestört, meinem inneren Fried.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IDENTITÄTSMERKMAL

Unsere Identität haben wir ganz nach Außen verlagert,
Ihr Sinn wird in nur körperlichen Merkmalen begriffen.
Dabei ist unsere wahre Identität im Geistigen gelagert -
Wer dies nicht begreift, bleibt von Widersprüchen ergriffen;
Wer es aber ahnt, kann innere und äußere Konflikte umschiffen.

Die Zeiten werden komplexer werden, eher sie sich vereinfachen;
Freunde, unwissend, werden sich gegenseitig kaputt machen;
Fremde werden sich für Freunde halten, und ihre Freunde auslachen;
Und wer und wo die wahren Feinde sind,
Das weiß keiner, denn wir sind alle blind.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ICH BESUCHTE DEIN INNENLEBEN

Ich besuchte Dein Innenleben
eines Tages, als Du abwesend war,
und ich geriet in ein Herzbeben,
das wütete unstet, unberechenbar -
Grund für sein Auslösen war unklar,

denn Du warst ja nicht zugegen.
Sag, brennt es andauernd in Dir?
Wann wird sich Deine Unruhe legen?
Ich hinterlass jetzt ein Teil von mir
in Dir, wie Tinte als Gedicht auf Papier.

Irgendwann kommst Du wieder nach Hause
und findest anwesend die innere Kraft,
Ruhe zu wagen, Frieden, eine Pause
zu machen, denn die Stille verschafft
Dir die Krönung Deiner Wanderschaft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUSAMMEN GETRENNT

Die ganze Welt ist verrückt geworden,
Menschen trennen sich in Gruppen, in Horden,
und hassen, fürchten, töten sinnlos sich -
erbarmungslos, leidenschaftlich - gegenseitig,
ohne sich mehr als oberflächlich zu kennen
oder die makabre Gleichheit zu erkennen,
mit der wir nun alle einheitlich brennen
und zusammen unglücklich verbrennen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER LANGE WEG VON INNEN NACH AUSSEN

Wenn es Licht unendlich lang braucht,
Dich zu erreichen von einem anderen Gestirn,
wie lang braucht es, bis eine Empfindung
als Gedanken auftaucht in Deinem Gehirn?

Und wieviel länger noch, bis Du
den feinen Gedanken dann in Worte fassen kannst
und der Welt einen Hinweis darüber gibst,
was Du tief in Deinem Herzen wortlos planst?

Einen Hinweis aber nur, denn wieviel geht verloren
auf dem langen Weg aus den tiefen Fernen
des Geistes bis zum dichten Nebel des Verstandes,
größer als die Distanz im All zwischen den Sternen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung