AUCH SCHWARZE SIND MEHR

Schwarze haben nicht nur zu klagen.
Nicht nur Geschichte zu ertragen.
Haben auch Umgewöhnliches zu sagen.
Bei näherem Betrachten Normales.

Schwarze haben nicht nur zu feiern.
Nicht nur lustig herum zu eiern.
Haben auch Ungewöhnliches zu entschleiern.
Bei näherem Betrachten Normales.

Menschliches. Ich kann Gedanken lesen.
Augen-blicke sind Gedichte. Einfach ablesen.
Die Gesellschaft birgt unzählige Wesen.
Klischees durchbrechen ist etwas ganz Normales.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALLES AUSSER WEISS

Heute koche ich vor Trauma und Wut.
Menschheit mehr Macho als Mut?
Kein Mut zum Menschsein gemeiner als Blut.

Als Schwarzer muß ich immer wieder
erleben: Egal ob im Frieden
oder im Krieg sind wir eben immer „Die da.“
Ausgegrenzt oder vermieden.

Im Frieden feiner als im Krieg, oh ich weiß.
Da sind die Grenzen noch offen für Gespräch.
Im Krieg geschlossen für alles außer Weiß.
Das Blutgefäß ist (immer) wieder zeitgemäß.

Schwarze kämpfen immer zweierlei
Für uns ist der Weltkampf gegen Tyrannei
und der persönliche Überlebenskampf einerlei.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÜBERLEBENSANGST UND OPPORTUNISMUS

Dies ist unser Auftrag:
Wie die Blume den Schönheitsbegriff schützt
und der Gärtner die Blume
und die Gesellschaft den Gärtner
und der Staat die Gesellschaft
und das Grundgesetz den Staat
und Weisheit das Grundgesetz…

So ist dies unser Auftrag:
das Gute in dem Menschen zu schützen
in Zeiten von Krieg.
Denn was ist das Schlimmste am Krieg?
Nicht, daß er Menschen tötet,
sondern daß er die Menschlichkeit tötet
und das Schlechte in uns zum Leben weckt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREIHEIT SIEGT

Wenn der Kriegsdämon erwacht
erwacht auch der Friedensgeist –
Nicht umsonst hat die Menschheit
bis heute sich selbst überlebt.

Wie viele Waffen werden benötigt,
um den Frieden für immer auszulöschen?
Waffen ohne Ende seit immer,
und dennoch: Geistig überlebt.

Freiheit siegt. Je stärker die Einschüchterung,
desto größer die Sehnsucht nach Freiheit –
Die Freiheit, wie ein Geist, wohnt in uns
am stärksten, wenn sie unsichtbar ist.

Weil das Fragilste, Glaube, unvernichtbar ist –
Weil das Unfassbare, Hoffnung, unverzichtbar ist –
Weil wo der Wille da ist, und Licht,
jeder Streit hart oder sanft schlichtbar ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÜBERDREHT

Immer noch auf
Kriegsfuß. Barfüßig begegnet.
Unvorbereitet.
Kriegsgruss. Barbusig geschändet.
Ungeschützt.
Kriegskuss. Doppelzüngig gestoßen.
Ausgebreitet.
Ein Todeskuss soll es sein. Ununterstützt.
Abschüssig der Ablauf.
Aufs Kriegsfuß immer noch.

Mein Kind kommt heute von der Schule heim.
Überdreht. Papa, wir werden alle sterben.
Welche Psyche wird ihre Generation erben?
Bisherige Zukunft erstickt im Keim.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHAUKELN

Auf Kriegsfuß. Hartfüßig.
Nackte Abdrücke. Engspurig.
Klare Tatsachen. Steifbusig.
Eindringen. Überflüssig.
Handgriff übergriffig.
Annäherung angriffig.
Kriegstreiber wie Liebhaber
schaukeln sich gegenseitig hoch
– und hoffentlich wieder runter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEBORGEN

Ein Herzflimmern nervös
Ein Weltzittern
Denn die Welt hat ein Herz
Und es macht sich Sorgen

Ein Schlag! Anfall!
Rückschlag oder Rückzug? /
Liebe heute, wer sich lieben läßt;
Warte nicht auf morgen.

Das Leben, so lang, ist so kurz.
Mein morgiges Gedicht
hat meine Sehnsucht nach Erfüllung
bereits heute geborgen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERDERHITZUNG

Lang lebte die Erde
Lange bevor Gottes Odem Adam durchbohrte
blakte sie zerfurcht im eigenen Brodem
Jung war sie nie
Von Anfang an kaustisch und launisch

Und lange lange dauerte es,
bis ihre harte Büste weich wurde
prall geschwollen mit herziger Muttermilch
für werdendes Leben, von werdendem
Leben verlangend anheim gefallen

Lange, schwindelerregend lange lief es gut
bis EvAdam kurzum aufstieg und …
ritt sie so hart wie Fiaker im Abendverkehr,
da stoben Frieden und Vielfalt davon –
So kamen wir im Heute an, verschwitzt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIEDER HOLUNG

Ein Tag, so kurz,
ist größer
als die meisten Menschen wissen

Mein ganzes Leben
spielt sich jeden Tag im Kreise ab
Ich erlebe es in meinem Empfinden
und Gewissen

Die fehlenden Lächeln, blicklos –
Die Vorurteile, wortlos –
Die endlose Liebe zu den unmöglichsten Menschen
und bizarrsten Dingen – und Dich
werde ich immer vermissen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DA WO DU BIST

Frag keinen nach dem Weg.
Er wird Dir nur seinen Weg zeigen,
nicht Deinen. Deiner ist eigen.

Er beginnt da, wo Du bist.

Frag keinen nach dem Landungssteg.
Er wird Dir nur seine Beine zeigen,
nicht Deine. Selbst mußt Du umsteigen.

Es findet da statt, wo Du bist.

Menschen können aussehen, wie Du –
Sie haben trotzdem eine andere Aussicht.
Menschen können anders aussehen als Du –
Sie verstehen trotzdem Veränderung nicht.

Zumindest die nicht, die die Deine ist –
Sie verändert Dich, und dort, wo Du bist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung