SCHMERZ IST BESSER ALS NICHTS

Nach dem Du mich
immer und immer wieder steinigtest
ohne daß ich starb
fingst Du an, mich zu lieben, vereinigtest
Du Dich mit meiner Schwäche fürs Leben –
Denn immer, wenn Du mich peinigtest,
war ich gar nicht so stark,
wie Du mir fälschlich andichtetest,
sondern Du warst es, die durch Aufmerksamkeit
mir die Sehnsucht nach dem Tod bereinigtest.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

INNENGRENZEN

Art erkennt sich nicht mehr
weil sie sich nicht mehr kennt
Äußerlichkeiten halten her
Aussengrenzen schliessen: nicht schwer.
Da, wo es am wenigsten brennt.

Aussengrenzen öffnen: nicht schwer.
Da, wo es am wenigsten brennt.
Innengrenzen: Da stammt die wahre Abwehr
gegen Artgenossen weltweit her
weil Mensch Menschlichkeit nicht mehr kennt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TRENNLINIEN

Nie sah ich eine Seele so zweigeteilt
wie die deutsche derweil –
Zwillinge aus einem Ei.

Auf beiden Seiten gute Menschen
getrieben zum Nachdenken
Auf beiden Seiten schlechte Menschen
die sich gegenseitig bösartig bekämpfen.

Ob Migration, ob Corona, irgend ein Rätsel
wird sie immer trennen,
um deutlich zu zeigen, nicht das reimlose
unlösbare Rätsel formt die senkrechte Trennlinie,
sondern Gut und Böse die waagerechte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEICHT

Leichter als ein
und aus
atmen
Leichter als aus
rutschen und hin
fallen

Leichter als Augenlider
öffnen und schließen
Leichter als vergessen
und erinnern

Nichts ist leichter als die Gefühle
eines anderen unabsichtlich und
irreparabel zu verletzen.

Leichter als gedacht,
schwer gemacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUSTART

Manchmal möchte ich
von Vorne alles wieder anfangen
wie die Natur es jedes Jahr macht

Ihre Blätter fallen lassen,
sich in tiefen Schlaf versetzen
aus der sie neugeboren erwacht

Alles beenden,
mich in die Tiefe zurück ziehen,
aus der mein Lachen neu entfacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEINE ENTSCHEIDUNG

Ich stand allein in der Nacht
und, weil ich stand,
war es keine Nacht mehr

Ich lag mit vielen mitten am Tag
doch, weil ich lag,
war es Nacht und kein Tag mehr.

Und es war meine Entscheidung,
zu lieben oder zu hassen,
zu töten oder leben zu lassen,
zu identifizieren mit der gesamten Menschheit
oder nur mit ausgewählten Rassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DURCHBLICK

Wenn Du auf alles verzichten musst
um Raum zum Verdichten einem zu lassen;
Du dabei anscheinend viel verpassen musst,
was manche gutmeinend Dir bedauern –

Wie schnell wächst dann Dein Tiefblick
in die Herzen aller, die Dich lieben
wie Ohren ein Geheimnis lieben,
voyeuristisch, solidarisch, lauernd.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS SCHWEIGEN DER OPFER

Manchmal fehlen Dir die Worte,
um etwas nicht gutes zu benennen;
weil der Ausdruck „nicht gut“
so viele Bedeutungen hat,
daß es schwer ist, mit diesen Worten
fest zu nageln eine ungute Tat –
obwohl sie die einzigen sind.
Ungenügend, doch alles sagend.
Alles verschweigend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU ODER ICH

Ich folge Dir
wie ein Pfad, der
bereits da ist, da liegt
Egal wie Du Dich wendest und biegst
entkommst Du mir nicht
Egal wie ich mich wende und biege
komme ich immer bei Dir an…
Doch ob DU der Pfad bist
oder ICH, das weiß ich nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEBE BEVOR DU STIRBST

Sterbe nicht,
ohne gelebt zu haben
Gehe nicht,
ohne gekommen zu sein
Leide nicht,
ohne geliebt zu haben
Ruhe nicht,
ohne gereist zu sein.

Denn irgendwann wirst Du anders sein.
Die Welt fällt weg und Du bist wieder allein.
Die Welt fällt weg und Du bist wirklich allein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung