GETARNTE FEIGHEIT

Stimmen
Ich höre uns nicht
Ich höre unser Schweigen

Doch alle geben Beifall
denn unser Schweigen
haben wir mit Worten getarnt,

leeren Worten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LUFT

Ich atme Menschen ein
und rieche kein Corona

Meine Lungen dursten wieder nach
Menschen Menschen Menschen,
nach unterer und oberer Gesichtshälfte,
nach Händedruck und Umarmung

Meine Lungen sind leer geworden
Ich habe Lust nach Menschen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DOCH KEINER SPRICHT ES AUS

Das Wissen springt
wortlos
von Augenpaar zu Augenpaar
Augenblick zu Augenblick
buchstäblich

Doch keiner spricht es aus.

Die einen, um ihre Freude zu verbergen.
Die anderen, um ihre Angst zu verbergen.
Und in dem Schweigen wächst die Gewissheit.
daß Morgen das Kind von Gestern ist.
Nicht heute.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STIMMEN AUS SCHWEIGEN

Videokonferenz. Stimmen.
Ich höre mich nicht.
Ich höre nur mein Schweigen, reichhaltig,
genau so laut.

Als die Konferenz plötzlich vorbei ist
und die Stimmen weg sind,
höre ich auf einmal meine Gedanken wieder
und mein Schweigen nicht mehr.

In den Stimmen
höre ich mein Schweigen.
In meinem Schweigen
höre ich die Stimmen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE ZEITEN

Die Sonne wiederholt sich
Der Mond wiederholt sich
Die Jahreszeiten, alles wiederholt sich

Wieso erwarten wir denn, daß
einzig und allein die menschliche Geschichte
sich nicht wiederholen wird?

Der Kluge kauft sich Hut und Creme
für den Tag, und ergattert sich
Musik und Liebe für die Mondnacht

Und bereitet sich
schweren Herzens
auf die Dummheit der Menschheit vor.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FOKUS

Naht sich wieder ein Zeitalter,
in dem jeder Soldatenkuss
ein Abschiedsgruß ist,
wo die Liebe ein Fluß ist, die schmerzlich
trennt und vergißt zu trösten?
Das Zeitalter des abgekoppelten Gesterns,
des Morgens ohne Landebahn,
des desorientierten Heutes, in dem
die Hoffnung alleine die knappe Währung ist,
in der wir die Freude, jene Mangelware, tauschen?

Naht sich wieder das Ende von Familien,
der Anfang von Erinnerungen, die von
Fremden hinterher und mühsam
zusammengestellt werden? Naht sich Verrat,
das Ende von Nachbarschaft? Naht
sich das Unterdrücken von Atmen und Wollen,
jetzt wo der Freie Wille nach Befreiung schreit?
Wie eine auseinander genommene Kamera bin ich
viele verschiedene Teile gerade, zerstreut,
ohne Fokus. Ohne Fernblick. Voller Fragen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MINORITÄTEN

Jede Gesellschaft hat einen Saum,
einen Rand an seinem Außenraum,
weder Abschaum noch nur Schaum;
ein festes Glied, aber klein. Ein Daumen.

Ein Schweigen mit feinem Gaumen.
Alles sehend, alles riechend, alles hörend
Alles meidend, und ergänzend, und störend
Von allem ausgeschlossen, zu allem dazugehörend.

Eine Anklage gegen das Weltgewissen
Eine Infragestellung unseres Begriffs von Wissen:
Warum ist jede Gesellschaft hin- und hergerissen
Zwischen Toleranz und Haß?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LOCKDOWN

Wie die Augenlider eines müden Wesens
schließt ein Laden nach dem anderen
bis das ganze Land eingeschlafen ist und
durch Mund und Nase nur noch gedämpft schnarcht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER INNERE STURM

Nach dem Sturm
Kommt der innere Sturm
Ich finde immer noch keine Ruhe

Kein Zufluchtsort
Ist Hort genug. Ich muß fort.
Es lebe die Unruhe.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ROT IST DAS NEUE GRÜN

Wut und Trauer
Meine Augen waren doch blauer
Als sie sich braun dünkten
Jetzt sind die Tränen dunkel geworden
Gefärbt von Herzblut
Blut! Blut! Rot ist das neue Grün
Blut der Regen
Denn die Zukunft will keimen und wachsen
Doch die Vergangenheit schlägt immer zurück –
Jetzt bin ich schlauer. Aber nicht zu spät.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung