FLUSSBLATT

Ich bleibe Ausländer
Flügel äußerer Ränder
Ein Blatt auf dem Fluss
vorbeifließend. Ein Gruß
aus der Ferne, missverständlich
stets beobachtend nachdenklich
Sichtbarer Blitzableiter
für Neugier
für Habgier
für Freundlichkeit
für Feindseligkeit
Ein Aussenseiter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WISSEN IST VERDACHT

Eine Gesellschaft ist nimmer so fremd
daß Du nicht unter ihrer Oberfläche
ihr Verborgenes wie Konturen unterm Hemd
siehst, spürst, jede Stärke und Schwäche.

Vertraut. Bekannt. Wir kennen uns
gegenseitig, wir Menschen, und zwar gut.
Wir wissen, anhand des anderen Tuns
was er vorbereitend führt unterm Hut.

Wissen ist Verdacht. Wissen ist erdacht.
Wissen ist Schlacht, und nur manchmal Macht.
Wir wissen mit gutem und schlechtem Gewissen
das etwas kommt, deren Auswirkung wir nicht wissen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

OBERFLÄCHE

Katapultiert auf die Oberfläche sind wir geworden

Es zählt nur noch die Hautfarbe bei der Seitenwahl

Sortiert zum Westen, zum Osten, zum Süden, zum Norden

Himmelsrichtungen führen manchmal zur Höllenqual.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

BEDARF

Mein Bedarf deckt sich mit Deinem Bedarf
wie zwei Hände zum Händeschütteln
sich gegenseitig drücken, fest, heftig, scharf
wie zwei Lächeln sich gegenseitig aufrütteln
aus der Umarmung drückender Einsamkeit
sich gegenseitig aufmunternd zur Heiterkeit
denn lieben und geliebt werden ist ein Bedarf.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GEDÄCHTNISREGEN

Wenn es regnet
und die Straße langsam wird
und Baum Baum begegnet
so wie ich Dich gerne würd
… dann hebe ich die Straße auf
und laufe mein Gedächtnis hinauf
mit Schmerzensgeschwindigkeit
denn Du gerätst nie in Vergessenheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE ANDERE HÄLFTE DER KOMMUNIKATION

Eloquent streiten
mit allen unseren Seiten
ordentlich fighten
denn wir wollen uns gegenseitig
besser kennenlernen, nicht einseitig.

Höflichkeit ist die Hälfte der Harmonie
die Trägerin von Masken, der Ausdruck
von Desinteresse, das Herz als Galerie -
Wie wäre es mit echtem Druck?
Und dem Allerschönsten: Gegendruck.

Denn wir wollen uns gegenseitig
besser kennenlernen, nicht einseitig.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

AUF IMMERWIEDERSEHEN

Auf immer wieder sehen
Sonne und Morgendämmerung
kommen und gehen -
Dies ist ihre Begrüßung

Ich weiß nicht, wo Du bist,
wenn Du weg bist
Du weißt nicht, wo ich bin,
wenn ich weg bin

Nur eines wissen wir
jedes Mal, wenn wir gehen…
wir werden uns wieder
immer wieder immer wiedersehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SELBST, STUR, STARR

Für Dich ist Deins immer noch das Beste
Für mich ist meins immer noch das Höchste
Jedem ist seins stets das Richtige
Und wenn meins nicht Deins ist
und Deins nicht meins ist
dann, anstatt daß einer sich ändert,
trennen sie sich und machen weiter, unverändert.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WASSERFLASCHE

Ich vergesse Dich nicht
Die Jahre machen Dich jünger, nicht älter
Deine ewige Jugend hält mich jung
während die Welt rauer wird und kälter

Ich trage Dich mit mir herum
wie eine Wasserflasche in der Wüste
Und wenn das letzte Tröpfchen getrunken ist
erreiche ich auch die Küste.

Lang ist die Reise und kurz
Selbst ohne Sturz oder Absturz
Rudere, rudere, rudere mein Boot
Die Hoffnung ist mein Brot.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WEITER REISEN

Wofür war die ganze Zeit?
Umsonst?
Ich gab Euch meine ganze Zeit
Meine beste Zeit
Umsonst.

Wieviel Zeit habe ich noch übrig?
Die Haare werden silbrig
Die Stimme einsilbig

Da! Dort! In der Ferne!
Meine Träume! Meine Sterne!
Euch erreiche ich immer noch gerne.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung