GESELLIGKEIT SCHÜTZT NICHT VOR EINSAMKEIT

Die erdrückende Oberflächlichkeit
eines Lebens ohne Anbindung -
Sprache führt in die Tiefe. Sprachlosigkeit
verspricht ihre eigene Verbindung.
Warum reden, wenn Schweigen
der Schlüssel ist zum Aufsteigen?

Die Leichtigkeit der Bedeutungslosigkeit
ist der schwerste Druck zu ertragen.
Geselligkeit schützt nicht vor Einsamkeit -
Die Nähe der Ferne bringt Unbehagen.
Menschen, die alles zeigen,
wollen etwas verschweigen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MÜHSAME BEGEGNUNGEN

Schwarz ist ein Magnet,
zieht weiße Herrschsucht an,
egal wie groß das Schwarz steht,
egal wie klein das Weiß kann -
Die Art scheint die Art zu wecken.
Geschichte war für solche nur Blut lecken.
Das Bewusstsein läßt sich nicht verstecken,
nur bekämpfen und besiegen irgendwann
in jeder Begegnung mit Frau und Mann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DURCH MEIN DA-SEIN ALLEIN

Ich lese so viele nachdenkliche Gedanken
in den grübelnden Augen und Blicken
die an mir vorbei gehen im Büro oder zB am Main.

Sie kommen aus einer tiefen Vergangenheit,
laufen an mir in der Gegenwart vorbei,
gehen in eine für sie ungewisse Zukunft hinein.

Was habe ich getan, um so viel Nachdenken
bei Menschen auszulösen, die mich nicht kennen,
einfach nur durch mein Da-sein allein?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WAS KOMMT DANACH?

Was kommt danach?
Wie sieht es aus?
Ich habe es vergessen.

Sicher gibt es Seen und Matten
und Berge und Bäume und Menschen -
Aber gibt es Palmen und Zypressen?

Wenn ich mich recht erinnere
gab es bei Durst Schönheit zum Trinken,
und bei Hunger Wahrheit zum Essen.

Ich seh einen Hain und eine Bank,
vage, unscharf, aber mich dünkt‘s,
ich habe dort schon mal gesessen.

Ich sehe auch das Gesicht
eines Menschen, er sitzt neben mir.
Aber wessen Gesicht ist das? Wessen?

Ein guter Freund, ich spüre es.
Von vor langer langer Zeit. So lange her,
ich kann es mit Verstand nicht messen.

Nur seelisch spüren. Ein Ort der Güte,
wo die Geister sich gegenseitig
nur Gutes aufs Gemüt pressen.

Was kommt mir nach der Erde,
nach Nigeria und Deutschland,
nach Biafra und Lagos und Hessen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZWEI STAATEN, EIN LAND

Zwei Völker
Zwei Herzen
Zwei Sprachen
Zwei Glauben
Zwei Welten
Zwei Staaten
Ein Land.

Wer reicht, wer akzeptiert, ehrlich die Freundschaftshand?
Wann gewinnt Versöhnung beiderseits die Oberhand?
Religion ist niemals des Glückes Unterpfand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERDBESUCHER

Hier bin ich doch nicht Zuhause
Die Frage ist nicht, ob ich gehen werde
Sondern wann. Eine riesengroße Erde
Voller Heimatlose suchend ohne Pause

Und findend nur mehr Heimatlose
Die wie sie nicht teilen wollen
Eine kleine Erde, die wir alle teilen sollen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE OFFENE ALTE WUNDE

Aus jedem neuen Munde
blüht eine offene alte Wunde
Armageddon ist im Grunde
eine stets wiederkehrende Stunde
Kompromisslosigkeit macht die Runde
Die Raketen geben laut Kunde:
Religion liegt mit Politik im Bunde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER SEHR NAHE OSTEN

Die Bomben verplomben!
Aber wer kann Hassen lassen?
Der Osten ist haut Nah
Er teilt uns wie ein Keil
Unheilbar?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUKUNFT TEILEN

Die Sammelbeschwerde
gebleichter Knochen
schreiend im Leib der Erde
warnend ununterbrochen…

stumm ungehört, ungeachtet
ein Schweigen mit Gewicht
ideologisch ausgeschlachtet
Totenköpfe grinsen nicht

Nie gelänge es einer Religion
diese kleine Welt zu regieren -
Freier Wille bedeutet Rebellion
Wann werden sie es kapieren?

Leben und leben lassen
Vergangenheit und Zukunft teilen
Knochen können nicht mehr hassen,
verkalkte Reue, unfähig zu heilen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WAS ANDERE NICHT TIEFER QUÄLT

Was fehlt einem so Großes
was anderen nicht mehrfach fehlt?
Was andere nicht tiefer quält.

Und die, der gegenüber
Er sich beschwerte, hat sich gestählt
und ließ ihre Leiden unerzählt.

Sie hörte zu und tröstete
aber ihr Herz war wund geschält
Und in ihren Augen hat‘s geschwelt

Aber er merkte es nicht
hat sie mit seinem Verlangen gepfählt
und sich mit ihr für eine Nacht vermählt.

Sie ließ sich durch ihn ablenken von
Euch Schmerzen, die ihre Freude täglich stehlt.
Wahrlich: SIE hat ihn ausgewählt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung