SIEHST DU AUCH MENSCHEN, DIE ES GAR NICHT GIBT?

Hellseher sehen Geister - immerhin.
Sie sind keine Wahnsinnigen,
die Illusionen überzeugt wahrnehmen -
Ähnlich wie die Durchschnittsmenschen,

die Dinge und Menschen schräg sehen,
oder das erahnen, was es gar nicht gibt.
Denn sie blicken nur Bilder und Annahmen
in ihrem eigenen Kopf, gekippt.

Meine Vorstellung von Dir ist es demnach,
die mir fest und nebulös vorschwebt,
ist häufig alles, was ich sehe und denke, wenn
ich Dich ansehe, und Dich noch nicht erlebt

habe; oder wenn ich Dich ignoriere und
von Dir wegschaue - kein Teil von uns.
Dich kenn ich ja, DICH sehe ich nicht.
Zu viele Filter liegen zwischen uns.

Und jedes Mal, wenn ich DICH doch sehe,
bin ich äußerst schockiert! Verwirrt.
Wer ist dieser fremde Mensch?
Das bist Du doch nicht. Kann mich nicht geirrt

haben. Und so geht es weiter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SMALL TALK

Wie angeordnet und vorgegeben
sinnlos los babbeln - alles klein reden.
Der Trick ist, nicht groß zu denken.
Hauptsache nicht durch Schweigen
die Aufmerksamkeit auf Deine wahren
Gedanken lenken.
Auf Deine großen Gedanken. Lenke lieber
mit Worten ab. Mit kleinen Worten
wie Luft verpackt in großen Geschenken.

Nicht der Dauerschwätzer stört heutzutage
sondern der Schweigsame.
Schweigen ist zu tief, zu schwer. Smalltalk
erleichtert uns doch das Gemeinsame.
Geht‘s Dir nicht gut? Fragen ihn alle, eine Plage.
Lasst mich!, schreit der Einfühlsame,
innerlich. Fragt sich, ich und der Kleinredner -
wer ist hier wirklich der Einsame?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JENSEITS IST DIESSEITS

Ich träumte, ich drehte mich um und sah Dich um mich trauernd, mich vermissend. So fiel es mir ein, oder auf, daß ich Dir wohl irdisch verstorben war und längst beerdigt. Ich mußte es zwischenzeitlich vergessen haben, den Tod und die Beisetzung, denke ich, denn alles, was ich weiß, ist, daß ich hinüber und weiter gegangen bin. Ich, unverändert, und immer noch am Leben. Und lebend sein fühlte sich, wie auf der Erde, so normal an.

Du warst dennoch so weit weg. Doch sah ich Deine Trauer wie eine Kerze im Nachbarhaus auf der anderen Straßenseite unter der Brücke. Und Du warst selbst die stete brennende Kerze. Oh, wie ich Dich trösten wollte… Aber Du hörtest und sahst mich nicht wie früher. Das war‘s, was weh tat.

So entschloss ich mich, Dir ein letztes Gedicht zu schreiben, denn Du warst immer die erste, die meine Gedichte lass, und hast sie immer tief empfunden. Sicherlich würdest Du diese auch empfangen und empfinden, wenn ich sie Dir aus dem Dir Jenseits mir Diesseits sende … oder leise vorlese…, dachte ich, hoffte ich. . Es war mir selbstverständlich aber wissen wusste ich es ehrlich gesagt nicht. Mehr konnte ich aber nicht mehr tun.

Also fing ich an, dieses Gedicht zu schreiben:

Auch wenn Du denkst, ich bin gestorben,
bin ich Dir viel näher, als Du denkst…
Gleichzeitig näher und weiter als Deine Gedanken,
ganz egal, wie wo Du sie hin lenkst…

Ich will aber, daß Du Dich umdrehst
und Dich Deinem Erdenleben voll widmest;
Dein Weg empor in unser Ziel liegt wie Stufen
in jedem Moment, in dem Du irdisch noch atmest.

Und dann wachte ich aus dem Schlaf auf und siehe da, es war ein Traum. Und das Leben fühlt sich, wie immer, normal an, egal in welcher Zeit und in welchem Raum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HÖR AUF DEIN GEWISSEN

Es gibt ein anderes Wort für Rassismus,
es heißt Kulturrettung.
Es gibt für Fremdenhass eine schönere Bezeichnung,
sie lautet Heimatverteidigung.

Jedem seins hört sich doch besser an
als Diskriminierung oder Unterdrückung.
Unter uns sein wollen sagen wir jetzt,
also Gleichart, nicht mehr Ausgrenzung.

Doch die schönsten Begriffe sind trotzdem hässlich,
wenn sie ohne Liebe gelebt werden.
Die besten Bezeichnungen sind die schlimmsten,
wenn sie Herrschsucht und Hass verkleiden sollen.

Hör bitte auf Dein Gewissen in Deiner Jugend
und behalte lang diese flüchtige Erinnerung
der Brüderlichkeit wenn Du älter und kluger wirst
und erbst die verlockenden Vorteile der Führung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WISSEN OHNE ZU WISSEN

All die Geheimnisse,
die wir nie wissen werden…
All die Geheimnisse,
die wir nie verraten werden…

Wissen ist Macht
Unwissen ist mächtiger…

Er läßt sie glücklich sein
Sie läßt ihn glücklich sein
Glück geteilt ist Glück verdoppelt.

Ich kratze Deinen Rücken
Du kratzt meinen Rücken
Ich sehe Deinen Rücken
Du siehst meinen Rücken
Ich decke Deinen Rücken
Du deckst meinen Rücken.

Rücksicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

OHNE FILTER

Zeig mir Dein Gesicht
ohne Filter.
Der wärmste Filter
ist trotzdem kälter.

Je sanfter, weicher, glatter,
desto rauher und älter.
Je glänzender, desto matter,
je perfekter, desto entstellter.

Zeig mir das Unvollkommene in Dir,
Du und ich wissen ganz genau:
Das ist das Perfekteste in Dir.
Das Echte ist das Beste an einer Frau.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN FREUNDLICHER GRUSS

Manchmal schleppst Du eine Wut
jahrelang mit Dir herum in Deiner Brust -
Du merkst es allein dadurch,
daß Du immer leise sprichst, unbewusst.

Die Wut, die Du gewaltsam unterdrückst,
verwandelt sich in unstillbare Lust,
die, weil sie trotz Ausleben unersättlich bleibt,
sich wiederum verwandelt in wachsenden Frust.

Und so begegnen wir uns täglich,
im Zug, im Bus, bei der Arbeit, in der Freizeit,
Millionen Ventilsucher, gebundene Gewitter,
getrennt durch ein Gruß von Eintracht oder Streit.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IM VERTRAUEN

Es ist erstaunlich
wie viele Seiten, Innenseiten,
wie viele Schichten,
geschweige denn Geschichten,
verschwiegene Geschichten,
wie viele andere Menschen
ein einziger Mensch unter seiner Oberfläche
Dir heimlich und eifrig zeigen wird,
nur weil Du seine innerste innigste Wunde
linder behandeltest und zart bandagiertest
ohne ihn zu brechen.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUE BLUMEN

Immer wieder
blühen neue Blumen
im Garten Deiner Seele

Ich merke es an
dem neugierigen Blick,
den wir überrascht tauschen,

wie zwei Fremde
allein in einem Fahrstuhl,
der langsam nach oben fährt.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAG DER ARBEITER EINHEIT

Der Tag ist irgendwie schwer
Schon lange marschieren die Arbeiter
Sie kommen von überall her
Untereinander gespaltene Mitstreiter
Jede/r dem anderen Peer
weder Leiter noch Begleiter -
langsam begreifend immer mehr:
Nur durch Einigkeit kommen wir weiter.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung