UNVOLLENDBARE GESPRÄCHE AUS DER VERGANGENHEIT

Wie viel Wahrheit kann ich vertragen
ohne zurück zu schlagen?
Wie viel Wahrheit bin ich bereit zu wagen?

Ist es besser, sich zurückzuhalten?
Das Herz ist nicht gebrochen. Es ist gespalten.
Sind Lügen leichter als Wahrheit auszuhalten?

Unvollendete Gespräche aus der Vergangenheit.
Wem würdest Du heute bei Gelegenheit
begegnen mit der selben alten Befangenheit?

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALLEINER

Heute höre ich das Schweigen
Warum ist das Schweigen so laut?
Und warum hört es keiner?

Das Schweigen, unauffällig
Wenn Menschen auseinander fallen
Bereits allein, und jetzt auch noch alleiner

Alleiner ist stärker als mehr allein
Das Mehr trügt,
Wo das Wesentliche immer weniger wird.

Das Schweigen breitet sich aus
Von Mensch zu Mensch, Haus zu Haus
Und wahre Gespräche werden weniger.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GLÄSERNE ICHPALÄSTE

Durch das Glas klar Berührung verpasst um ein Haar Menschen getrennt zwischen ist und war Keiner nimmt den anderen wahr Freunde sogar. Feinde sogar. Gläserne Ichpaläste kalt und starr Jeder ein Chef. Jeder ein Narr. – Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung Bild: (c) Federico Ghedini

DER KUNSTGEIST VERBINDET DIE MENSCHHEIT

Der Kunstgeist verbindet die Menschheit.
Wir haben eine Geheimsprache.
Sonderbar, eine uralte Geheimwaffe.
Kommt: Wir üben jetzt damit Rache:

Gegen alle, die uns voneinander trennten,
einfach nur weil unsere Gleichart
tiefer liegt als alles, was sie begreifen konnten –
Wir aktivieren jetzt auch ihren inneren Part.

Wie muß es sich anfühlen,
plötzlich eine Fremdsprache zu verstehen?
Desorientierend? Beruhigend?
Der Kunstgeist will den Zeitgeist umdrehen.

Die Schönheit um der Schönheit willen.
Gemüt. Die Sprache des Menschengeistes.
Innere Stimme über äußerem Gewinnen.
Unsere Verbindung beweist es.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LAKMUSTEST

Menschlichkeit,
die nicht allen Menschen gilt,
ist Unmenschlichkeit.

Ein selektives Gewissen
ist ein schlechtes Gewissen.

Internationale Solidarität
gilt allen Menschenrassen –

sonst birgt sie keine Liebe,
nur Rassismus und Tücke und Lügen
und Hässlichkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KLARHEIT WIRD NÄHE STETS BESTRAFEN

So viele Antworten in der Welt,
wo fängt man an zu fragen?
Wo fängt man an, Mensch zu sein
und als Mensch sich zu betragen?
Kaum einen Gruß getauscht,
schon klingt er hohl und missverstanden;
Kaum einen Kuss geteilt,
schon schmeckt er alt und gestanden;
Kaum einen Fluss überquert,
an dem unsere Sehnsüchte sich trafen,
schon sind wir uns fremder als je zuvor –
Klarheit wird Nähe stets bestrafen.
Alle meine Fragen an Dich
kamen beantwortet zurück;
Alle Deine Antworten an mich
machten mich ein bisschen verrückt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BRUDERHERZ

Er lebte voll und ganz sein kurzes Leben
Und ich beobachtete und wanderte daneben:

Den einen schenkte er ein Lächeln
Und erntete viele zurück
Den anderen brach er das Herz
Und brachte sie vorwärts ein Stück
Er hinterließ in mir vor allem den Mut
Zu suchen und zu teilen Wahrheit und Glück –

Denn wir leben, nicht nur um zu erleben
Wir leben, auch um zu beleben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FENSTER UND SPIEGEL

Die Augen des Fremden.
Sind sie Fenster oder Spiegel,
wenn die Blicke ihre Siegel bersten?

Spiegel sind schön und wichtig.
Wie sollen wir sonst uns selbst entdecken?
Vielschichtig wie wir sind
und spielen immer, innere Kinder, Verstecken.

Doch manch ein Spiegel war kein Spiegel,
war immer ein Fenster,
Aus- und Einblick entriegelt, ungeregelt
verwirrend in eine andere Welt,
verirrend aus und einsteigen, gefesselt.

Nur… was, wenn das Fenster die ganze
Zeit doch nur ein Spiegel war?
Dann bist Du mein Zuhause, schön geheuer.
Nur… was, wenn der Spiegel die ganze
Zeit doch nur ein Fenster war?
Dann bist Du mein rufendes Abenteuer.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DA WO DU BIST

Frag keinen nach dem Weg.
Er wird Dir nur seinen Weg zeigen,
nicht Deinen. Deiner ist eigen.

Er beginnt da, wo Du bist.

Frag keinen nach dem Landungssteg.
Er wird Dir nur seine Beine zeigen,
nicht Deine. Selbst mußt Du umsteigen.

Es findet da statt, wo Du bist.

Menschen können aussehen, wie Du –
Sie haben trotzdem eine andere Aussicht.
Menschen können anders aussehen als Du –
Sie verstehen trotzdem Veränderung nicht.

Zumindest die nicht, die die Deine ist –
Sie verändert Dich, und dort, wo Du bist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HÖCHSTSPANNUNGSLEITER

Heute bist Du meine Muse
Die Ungereimtheiten in Dir
Die Uneinigkeit zwischen Deinem Kopf
und Deinem Herzen ist die schönste Spannung
die ich je gespürt habe –
sie ist eine Hochspannungsleiter,
durchströmt mich mit einem bebenden Warten
auf Entladung –
Danke für die Einladung.
Ladestation: Mensch. Sehnender Mensch.

Zu wissen, ich labe mich an Deiner Wunde
und das Laben reinigt die Wunde –
Herz und Kopf versöhnen sich…
Die Spannung läßt nach…
Die Wunde schließt sich.
Eine Weile muss nun ich entbehren, leiden –
Mein Durst wird wieder reif, dürstet…
Und wenn ich Dich dürstenden Auges anschaue
werden Dir Kopf und Herz wieder uneinig,
die spendende Spannung ist wieder da.

Hallo, Muse.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung