DISTANZ ZUR NÄHE

Sicherheitsabstand
Sicherheitsanstand
Er blieb auf Distanz
Sie sehnte sich um so mehr
nach einem Tanz
mit ihm. Sie, Strand. Er, Meer.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERSTECKTE GLEICHART

Oft saß ich allein
in einem überfüllten Zimmer
Und Deine Augen und meine
trafen sich immer
Obwohl ich in einer Ecke saß
und Du in der ganz anderen
Obwohl wir uns nicht kannten
kannten wir uns in unserem Inneren.

Und schieden und sprachen oft kein Wort
kein Gruß kein Satz zu einander,
als würden wir das nicht brauchen –
denn unsere Verbindung ist Salamander:
Unsterblich, millionenfach verbunden,
Fremde geschmiedet aus ähnlichem Geiste –
Sonderbar. Die Welt ist voller Gleichart.
Auch für den, der sie nie bereiste.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER MITMENSCH ALS SPIEGEL

Manche Menschen ändern sich
wie das Wetter
Mal sind sie abweisender,
mal matter, mal netter –
Ich stehe schweigend am Fenster meiner Seele
beobachte sie von Innen
wie sie draußen mit jeder neuen Begegnung
der Welt begegnen wie mit neuen Sinnen.

Ich kann mich nicht sehen
Ich kann nur andere beobachten
Das Gesehene sei mir der Spiegel,
um auf meine Schwankungen besser zu achten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANDERS SEIN

Wir wollen alle das Gleiche
deshalb muss jeder was anderes machen –
Macht jeder das Gleiche,
wollen wir alle unterschiedliche Sachen.

Nie werden die Jahreszeiten
sich gegenseitig nachahmen oder gleichen –
Denn alle wollen das selbe vorbereiten,
So stellt jeder auf seiner Art die Weichen

Das Jahr wird immer rund sein:
Ein bisschen Freude, ein bisschen Schmerz,
Ein bisschen hart sein, ein bisschen wund sein,
Die Mischung macht das Menschenherz.

Und Du wirst Du sein, und ich ich
Und sehnen uns beide nach dem anderen
Wir wollen beide Liebe gegenseitig;
Das bekommt jeder nur in dem anderen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

Der Lärm bedeckte bekanntlich das Schweigen nicht
Denn das Schweigen übertönt alles –
Alle Gespräche, alle Verträge, alle Abkommen –
Keiner redet wirklich mit den anderen.
Alle schweigen.
Und verschweigen das Schweigen.

Wald- und Wüstenwege
Flüsse und Seerouten
Dann Flugzeuge, dann das Internet
brachten sie zusammen
Sie lernten sich jedoch nicht kennen
Nur ihre Vorurteile trafen aufeinander
Und nun sind alle perplex.

Nie war die Welt vereinter
Nie war die Welt getrennter
Denn Nähe überwindet keine Distanz
Nähe verdeutlicht und verschärft Distanz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES WIRD NOCH LANGE DAUERN

Es wird noch lange dauern
bis Ihr mich anschaut
und nicht zuerst Eure Vorurteile
unterdrücken müsst
um mit mir lächeln zu können

Meine Kinder werden diese Zeilen wiederholen
Ihre Kinder werden diese Zeilen wiederholen
Ich weiß es
Denn auch mein Vater wiederholte sie
und sein Vater vor ihm

Erst dann werden diese Zeilen
nicht mehr wiederholt,
wenn wir nicht mehr da sind zum Anschauen
weil wir weiter gegangen sind
und Euch zurückgelassen haben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREIER GEIST

Kein Mensch kann
einem Menschen gehören

Aber wir wollten uns gegenseitig angehören
Und logen einander an
jede Nacht flüsternd
Ich gehöre Dir,
Ich gehöre Dir,
Ich gehöre Dir.

Doch meine innere Stimme
schaute mich jedes Mal danach an
und sagte:
Das ist nicht fair.
Sag ihr doch die Wahrheit:
Du gehörst nur mir,
dem Feuer tief in Dir selbst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU WIRST DEINE FREUNDE FINDEN

Du wirst Deine Freunde finden
auf weniger begangenen Wegen –
Den Sonnenschirm fandest Du im Regen

Alles, was zählt, zählt nicht
Alles, was Du warst, warst Du nicht

Erst fandest Du das neue Dich
dann kam Dir sein Freund entgegen
und zeigte Dir das neue Dich
in nie gekannten Wegen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHMERZ IST BESSER ALS NICHTS

Nach dem Du mich
immer und immer wieder steinigtest
ohne daß ich starb
fingst Du an, mich zu lieben, vereinigtest
Du Dich mit meiner Schwäche fürs Leben –
Denn immer, wenn Du mich peinigtest,
war ich gar nicht so stark,
wie Du mir fälschlich andichtetest,
sondern Du warst es, die durch Aufmerksamkeit
mir die Sehnsucht nach dem Tod bereinigtest.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

INNENGRENZEN

Art erkennt sich nicht mehr
weil sie sich nicht mehr kennt
Äußerlichkeiten halten her
Aussengrenzen schliessen: nicht schwer.
Da, wo es am wenigsten brennt.

Aussengrenzen öffnen: nicht schwer.
Da, wo es am wenigsten brennt.
Innengrenzen: Da stammt die wahre Abwehr
gegen Artgenossen weltweit her
weil Mensch Menschlichkeit nicht mehr kennt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung