GEDÄCHTNISSCHWUND

Er beobachtete sie
wie sie wie ein müder Ballon
langsam sank
und aus seinem Gedächtnis verschwand

Er war glücklich
daß er sie vergaß
Er war traurig
daß er sie vergessen konnte

Und er war traurig
daß er glücklich war
und glücklich
daß er traurig war

Ob er nun überwiegend
glücklich war oder traurig
das konnte er nicht sagen
und er wusste nicht warum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS FALSCHE VERSTEHEN

Hörst Du auch die Stimmen der Stummen?
Die Schreie der Stillen?
Das Flüstern der Vergessenen?
Hörst Du, was keiner wagt, auszusprechen?

Siehst Du auch die Züge der Verstummten?
Die Mienenspiele der Gesichtslosen?
Die Masken der Unsichtbaren?
Siehst Du, was keiner der Welt zeigen will?

Wer wird zugeben, daß er uns versteht?
Unsere angebliche Freunde verhören uns absichtlich
Machen aus unserer Botschaft eine harte Bandage
Die die schreiende Wunde unsichtbar macht!

Ich werde meine eigene Geschichte erzählen
In meiner eigenen Dichtung
Du musst genau hinhören, wenn die Flüsse mäandrieren
Du musst genauer hinhören.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS GEWICHT DER UNENDLICHEN LIEBE

Harte Kanten
Der Tisch, wie ein Rücken,
Trägt alle meine Bücher
Alle meine Gedanken
Und bricht nicht
Seine Kanten sind
Hart
Fest
Scharf
So schön ist er, der Tisch.

Weiche Kurven
Die Frau, wie eine Palme,
Erträgt alle meine Forderungen
Alle meine Träume
Und gibt nicht nach
Ihre Kurven sind
Weich
Fest
Zart
So schön ist sie, die Frau.

So schön ist er, der Tag
So schön ist er, der Abend
So schön ist sie, die Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BLEIBT DIE LIEBE DIE WAHL

Weißt Du wie viel
Menschen stehen
Unter Obdachlosenzelt?
Weißt Du wie viel Träume
Liegen in zig Gräbern auf der Welt?
Gott der Herr hat sie gezählet
Daß ihm auch nicht eines fehlet
Selbst in tiefstem Leid und Qual
Selbst im dunklen Menschental.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNVERMEIDBARE SCHMERZEN

In einander gehen
Oder sich voneinander trennen
So oder so
Es wird schmerzen

Zur Integration
Müssen alle Ja sagen
Zur Separation
Kann einer die Entscheidung tragen

So oder so
Es kommt von Herzen
Gewinne und Verluste
Es wird schmerzen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HALBWAHRHEITEN

Vorhang …
Ein Teil von mir
Kannst Du nicht sehen
Ich ein Teil von Dir nie verstehen
Das Fenster ist zur Hälfte geöffnet
Zur Hälfte mit der Hälfte des Vorhangs
Halb verdeckt…
Die Wahrheit ist halb entdeckt
Halb versteckt
Nicht ganz wahr
Und ist nicht wahr –
Und ist selbst nur ein Vorhang…

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VERFÜHRT

Er sprach und sprach und sprach
Bis sie ihm glaubte
Und glaubte und glaubte und glaubte
Lange nachdem er sein Wort brach
Und sich selbst widersprach
Glaubte und glaubte sie weiter und weiter
Bis sie daran zerbrach.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MENSCH UND SCHWARZ

Ich bin ein Mensch
Ich brauche keinen anderen Menschen
Der es mir erst zugestehen muß
Bevor ich es verkörpere und auslebe
Ich bin ein Mensch

Anfeindungen wegen meiner schwarzen Hautfarbe
Beweisen nur, daß die Anfeindenden
Krank sind und verbogen
Und Angst vor der eigenen inneren Kleinhieit haben
Sie brauchen jemanden zum Unterdrücken

Nicht mich.
Du kannst mich körperlich töten
Körperlich brechen, finanziell schwächen
Meinen Ruf heimtückisch schaden
Doch Du bleibst ein Narr und ich ein Star

Und immerdar.
Ich bin ein Mensch.
Selbstverständlich. Ungebrochen. Unbeugsam.
Vergiss es. Ich werde Dich besiegen.
Ich bin ein Mensch.

Che Chidi Chukwumerije
30.07.2020 (22:35h)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MASKENPFLICHT

Zum Schutz des Nächsten
Verbirg Dich Deinem Nächsten
Liebe Deinen Nächsten
Meide ihn

Manche Gedanken sind giftig
Ansichten sind ansteckend
Auch wenn sie unsichtbar sind
Mit Absicht

Manche Vorhaben sind erhaben
Zart zerbrechlich schutzsüchtig
Augen treffen sich – kommentarlos –
Maskiert.

Maskenpflicht
Ein Gespräch ist ein Gedicht
Die Worte treffen gedämpft
Die Gedanken nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

OFFEN FÜR ANTWORTEN

Die Grenze stand an mir
Und konnte mich nicht überqueren
Denn egal wie sehr sie sich verschloß
Blieb ich offen…

Offen für weniger, offen für mehr
Offen für Antworten, die zu mir heimkehren
Und jede Antwort, die sich mir erschloss
Ließ mich weiter hoffen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung