EIN HAUCH VON HIMMEL

Sie war die eine Frau
Sein ganzes Leben lang
Die ihn nie begehrte

Sie war die eine Frau
Die durch ihre Haltung
Ihn Treue und Reinheit lehrte

Unter all den Menschen
Und all den Begegnungen
Die ihm das Leben je bescherte

War sie derjenige Mensch
Den er am tiefsten liebte
Und am ehrlichsten verehrte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHWER ZU SAGEN

Ich lief auf Zehenspitzen
auf einem Regenbogen
und er trug mich mühelos
schwerelos, ja sogar gewichtlos

Ich griff nach einer Wolke
und sie war fest wie ein Fels
als wäre ich die Wolke fast
und, weniger noch, ein Ich ohne Sein

Ich saß rittlings auf einer Welle
und ich durchbrach die Oberfläche nicht
sondern sie beförderte mich auf leichten Füßen
und setzte mich auf die Schwelle…

…deines Herzens. Doch all meine Leichtigkeit
lag schwer, schwer, schwer wie Blei
auf Deinem Gewissen, und ich sank
wie Stein im Treibsand Deiner Unzufriedenheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

CHANCEN

Ich habe mich oft gefragt
Warum zwei Menschen
Stundenlang wortlos nebeneinander
Im Zug sitzen

Kurz vorm Ende
Lächeln sie sich einander an
Und spüren auf einmal
Daß sie zu einander passen

Doch die Zwischenstation ist schon erreicht
Der eine steigt aus
Der andere reist weiter
Beide mit Schmerzen in ihren Herzen

Im Leben gibt es keine Zwischenstationen
Es gibt nur Endstationen
Was Du während der Reise nicht nimmst
Ist endgültig weg.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DESILLUSIONIERT

Bauchschmerzen
Ich habe viel zu viele Worte gegessen
Lange gekaut, runtergeschluckt
Sehr schwer zu verdauen
Es sind nicht meine Worte
Es sind die derer,
Deren Augen was anderes sagen
Als ihre Worte die mir den Magen verderben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDÄCHTNISSCHWUND

Er beobachtete sie
wie sie wie ein müder Ballon
langsam sank
und aus seinem Gedächtnis verschwand

Er war glücklich
daß er sie vergaß
Er war traurig
daß er sie vergessen konnte

Und er war traurig
daß er glücklich war
und glücklich
daß er traurig war

Ob er nun überwiegend
glücklich war oder traurig
das konnte er nicht sagen
und er wusste nicht warum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS FALSCHE VERSTEHEN

Hörst Du auch die Stimmen der Stummen?
Die Schreie der Stillen?
Das Flüstern der Vergessenen?
Hörst Du, was keiner wagt, auszusprechen?

Siehst Du auch die Züge der Verstummten?
Die Mienenspiele der Gesichtslosen?
Die Masken der Unsichtbaren?
Siehst Du, was keiner der Welt zeigen will?

Wer wird zugeben, daß er uns versteht?
Unsere angebliche Freunde verhören uns absichtlich
Machen aus unserer Botschaft eine harte Bandage
Die die schreiende Wunde unsichtbar macht!

Ich werde meine eigene Geschichte erzählen
In meiner eigenen Dichtung
Du musst genau hinhören, wenn die Flüsse mäandrieren
Du musst genauer hinhören.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS GEWICHT DER UNENDLICHEN LIEBE

Harte Kanten
Der Tisch, wie ein Rücken,
Trägt alle meine Bücher
Alle meine Gedanken
Und bricht nicht
Seine Kanten sind
Hart
Fest
Scharf
So schön ist er, der Tisch.

Weiche Kurven
Die Frau, wie eine Palme,
Erträgt alle meine Forderungen
Alle meine Träume
Und gibt nicht nach
Ihre Kurven sind
Weich
Fest
Zart
So schön ist sie, die Frau.

So schön ist er, der Tag
So schön ist er, der Abend
So schön ist sie, die Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BLEIBT DIE LIEBE DIE WAHL

Weißt Du wie viel
Menschen stehen
Unter Obdachlosenzelt?
Weißt Du wie viel Träume
Liegen in zig Gräbern auf der Welt?
Gott der Herr hat sie gezählet
Daß ihm auch nicht eines fehlet
Selbst in tiefstem Leid und Qual
Selbst im dunklen Menschental.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNVERMEIDBARE SCHMERZEN

In einander gehen
Oder sich voneinander trennen
So oder so
Es wird schmerzen

Zur Integration
Müssen alle Ja sagen
Zur Separation
Kann einer die Entscheidung tragen

So oder so
Es kommt von Herzen
Gewinne und Verluste
Es wird schmerzen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HALBWAHRHEITEN

Vorhang …
Ein Teil von mir
Kannst Du nicht sehen
Ich ein Teil von Dir nie verstehen
Das Fenster ist zur Hälfte geöffnet
Zur Hälfte mit der Hälfte des Vorhangs
Halb verdeckt…
Die Wahrheit ist halb entdeckt
Halb versteckt
Nicht ganz wahr
Und ist nicht wahr –
Und ist selbst nur ein Vorhang…

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung