SIE MÜSSEN ANDERS SEIN

Da sie anders aussehen
Müssen sie auch anders sein
Menschsein ist nicht genug
Da sie wo anders entstanden sind
Müssen sie auch anders sein
Die Welt ist nicht genug
Da sie anders sozialisiert wurden
Müssen sie auch anders sein
Der Geist ist nicht genug
Da sie anders sprechen
Müssen sie auch anders sein
Das reicht uns als Grund genug

Grund genug, sie auszugrenzen
Grund genug, sie auszulöschen
Grund genug, sie auszulachen
Grund genug, sie auszurauben
Die sind nicht Menschen wie wir
Die sind nicht so hochwertig wie wir
Die sind nicht zu gebrauchen wie wir
Die sind einfach nicht wie wir
Wir werden alles Menschliche in uns töten
Und sie wie Unmenschen behandeln
Wir zeigen endlich, daß wir Tiere sind
Und werden sie wie Tiere jagen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

KOMMUNIKATIONSBRUCHSTÜCKE

Wir schwiegen so lang
Das Schweigen wurde zum Gespräch
Zu unserem längsten intimsten Gespräch
Und wir sprechen immer noch
Das Sprechen wurde uns nun zum Hang

Um Mißverständnisse zu vermeiden
Da wir uns so gut verstehen und leiden
Vertiefen wir unser Gespräch
Unser prägnantes vertrautes Gespräch
Keine Kommunikationslücke erlauben

Keine Kommunikationsbrüche
Keine Kommunikationsbrücke
Kleine Kommunikationskunststücke
Des Schweigens und des Verweigerns
Aus Angst, erneut zu scheitern.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

FLUCHT VOR FLUCHT

Flucht, vor Einsamkeit.
Einsam, vor Flucht.

Flucht, vor Anfeindung.
Angefeindet, wegen Flucht.

Flucht, vor Hoffnungslosigkeit.
Hoffnungslos, vor Flucht.

Flucht, vor Tod.
Tot, wegen Flucht.

Flucht, vor Überfremdung
Flucht, in die Fremdenfeindlichkeit
Verfremdet, wegen Flucht
Teufelskreis der Geschichte, verflucht!

Der Fluch ist die Frucht der Flucht
Vertrieben, in die Flucht
Menschheit, nein Menschlichkeit, flüchtet
Und keiner fühlt sich Zuhause mehr.

Ich bin Flüchtling
Du bist Flüchtling
Getrieben, gegen die Flucht
Wir sind die Frucht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ES WAR EINMAL EIN LÄCHELN

Es war einmal ein Lächeln
Ungeschützte Fackel im Sturm
Tapfer lächelnd dennoch, warm.

Der erste, der auf es schoss
War wegen seiner Andersart erbost
Schloss das Herz vor Gewissen, Schmerz.

Die zweite, die schoss aus Rache
Denn sie rief es mit einem Locklachen
Es erwiderte, wich, mit nem Lächeln zurück.

Die nächsten, die hassten das Lächeln
Einfach so. Liebten nur Macht.
Lächeln war gedacht als Machtspielchen

Locklächeln als Mittel zum Endziel
Auch der Hass kann lächeln, kalt und viel
Der Griff ist kalt. Der Topf wut-heiß.

Doch alle unterschätzen das Lächeln
Das echte, starke, warme, menschliche.
Letztes Lebenszeichen der Geistesfackel

Es wird sich diesmal wehren.
Als letzter Überlebender Gestern‘s Lehren
Wird es anstecken, und sich vermehren.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE ICH-GRENZE

Die Ich-Sonne
Im Zentrum des Ich-Sonnensystems
In mitten der Ich-Galaxie
Im Herzen des Ich-Universums

Diese Ich-Sterne
Mit nach Intern gerichteter Schwerkraft
Verbiegen die Aussicht aufs Externe
Beziehen alles auf die eigene Eigenschaft

Es fällt ihnen schwer
Zu begreifen, zu akzeptieren, zu glauben,
Daß manche Menschen einfach mehr
Können, als sie selber vermögen.

Ich-All
Ist nimmer Licht-All.
Ergo: Egotrip, der Ich-Knall
Ist eher Dimmer des Licht-Alls,
Et al, et al.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SIE WERDEN IHRE EIGENEN ERINNERUNGEN HABEN

Sie werden ihre eigenen
Erinnerungen haben.
Meine Kinder sind Kinder ihrer Zeit,
Ich war nur die Brücke
Wie mein Vater seinerzeit
Oben auf der Brücke stand und winkte
Und ich winkte zurück und ich ging weiter

Wie mein Vater durch meine,
Sehe ich heute durch ihre Augen Dinge
Die ich als Kind niemals sah
In einer anderen, verschwundenen, Welt
Und wie er denke auch ich nach und
Frage mich: Was geschieht tatsächlich
Innerlich in meinen wachsenden Kindern?

Nach dem ich weg bin
Und wieder weiter gezogen
Was werden ihre Erinnerungen sein?
Erinnerungen an die Kindheit,
Hort zartester Empfindungen, Nostalgie
Schmerz und Freude, Kraft und Hoffnung
Und Geheimnisse und ungelösten Fragen.

Und ich werde da sein
In ihren Erinnerungen,
Ihre liebe Mutter auch und eine Zeit
Und eine Welt, die es so nur dort gibt
In ihren Erinnerungen, teils Märchen,
Teils wirklicher, stärker und lebendiger als
Alles, was ihre Zukunft bringen wird.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

LÜCKE

Wenn Du auf Schmerz wartest
Und er kommt nicht, wie ein untreuer
Freund und reuelos, wiederholt lässt
Er Dich im Stich, was bleibt übrig als
Lückenfüller und Ersatz?

Wie viele unfreundliche Blicke
Verletzten Dich heute? Wann hat es
Aufgehört, weh zu tun? Lebst Du
Noch? Wann bist Du gestorben? Wo
Findest Du Deinen Platz?

Wie viele freundliche Blicke
Überraschten Dich heute? Schwerer
Deutbar als die, die Dich beim Anblick
Ablehnen, sind die, die behaupten,
Du wärest ihr Schatz.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WIE KANNST DU MICH LIEBEN?

Wie kannst Du mich lieben
Wenn Du mich doch hasst?

Willkommen will nicht kommen
Kommt nicht willens, ist eine Last.

Willkommen, wer will kommen?
Komme was will, Ihr Lieben
Hier findet Ihr, aber nur kurz, Rast

Meine Kinder werden‘s hier vielleicht lieben
Ihretwegen fühl ich mich willkommen
Aber nicht zuhause, denn ich bleibe Gast.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HÖRT KEINER MEINE STIMME

Bin ich hier
Oder bin ich nicht?
Bin ich Teil von etwas
Ohne Angesicht?
Und wenn ich sag Hallo
Sag mir, stör ich Dich?
Und wenn ich fehle,
Vermisst Du mich?

Hört keiner meine Stimme?
Hört keiner, wenn ich schrei:
Ich bin hier!
Hört keiner meine Stimme?
Bin ich alleine hier?

Heimatlos
Das Land ist groß
Groß genug
Um zu verschwinden –
Hört keiner meine Stimme
Wird keiner mich finden.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SUCHMASKEN

Gesellschaft im Wandel
Wer hat sich geändert?
Ich nicht. Du nicht. Sie nicht.

Wer dann? Wer plündert
Erinnerungen von Skandal
Formt daraus ein neues Gesicht?

Eine neue Sicht alter Masken
Als hätte sich gewendet
Das Blatt gegen den feigen Vandalen

Ich sehe keinen Wandel
Kein Blick bricht hindurch –
Nichts durchbricht die Schutzmasken.

Bist auch Du in die Welt ausgebrochen Um sie zu verändern?
Bist auch Du in die Masken eingebrochen
Auf der Suche nach dem uns Verbindenden?
Und fragst Dich heute: Habe ich es
Noch nicht gefunden?
Oder bin ich zu stolz, um zu akzeptieren,
Es ist noch keinem gelungen?
Weil es es nicht gibt.
Es gibt nur Liebe oder nichts.

Che Chidi ChukwumerijeB
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung