UNTER DER HAUT

Ich mußte diesmal lang hinein hören
um Dich in mir herauszuhören
denn ich bin meinungsstark und laut 
unter meinem Schweigen über meine Haut

Wer bist Du? Unter Deiner Haut.
Wie viele Personen sind darunter verstaut?
Darf ich da rein? Ich will nicht stören.
Nur wissen, ob wir innerlich zusammengehören.

Das Eindringen könnte Schichten zerstören 
und versteckte Gedichte heraufbeschwören.
Farben haben uns die Sicht verbaut.
Unter der Haut aber ist mir alles vertraut.

 - Che Chidi Chukwumerije 
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

GLÄSERNE ICHPALÄSTE

Durch das Glas klar Berührung verpasst um ein Haar Menschen getrennt zwischen ist und war Keiner nimmt den anderen wahr Freunde sogar. Feinde sogar. Gläserne Ichpaläste kalt und starr Jeder ein Chef. Jeder ein Narr. – Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung Bild: (c) Federico Ghedini

FAST IMMER ALLEIN

Jeder ist fast immer allein
in fast jeder Menge –
Gleichart ist fast nur Schein.

Abendliche Spaziergänge
am uralten Main –
… gezogen in die Länge.

In die Ferne in den Rhein.
Hinter mir Glockenklänge –
Tiefsinnig ist das Menschensein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS GEWICHT DES KRIEGES

Das Gewicht des Krieges,
des unerreichbaren Sieges;
die Wut der verzweifelten Raketen,
wie bei gelieferten und abgelehnten Paketen;
das Hohngelächter der steigenden Preise,
die Energieknappheit der langen Reise;
die Botschaft der besorgten Blicke,
der plötzliche Schrei umgewälzter Geschicke;
die erschreckte Sehnsucht nach Frieden,
der den Krieg naiv beobachtete beim Sieden –
Hat der Frieden selbst den Frieden gemieden??
Nichtstun und Tun sind nicht so verschieden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NIRGENDS IST‘S SO EINSAM WIE IN EINER EHE

Nirgends ist’s so einsam, wie in einer Ehe.
Intimste Gedanken aneinander vorbei gedacht;
Innerlich entfernt, äußerlich zusammen gelacht;
Verstehen, nicht verstanden zu sein.
Und an die Einsamkeit sich gewöhnen.

Nirgends ist‘s so zweisam, wie in einer Ehe.
Intimste Gedanken gemeinsam durchgedacht;
miteinander geweint, aufgebaut, gelitten, gelacht;
Verstehen, tief verstanden zu sein.
Und mit der Zweisamkeit sich verwöhnen.

Nirgends ist‘s so heilsam, wie in einer Ehe.
Heilig wäre fast das richtigere Wort.
Jedem seine geheime Welt lassen. Dort,
wo er sich selbst sein kann, muß nicht verstanden sein.
Die hässlichen Seiten und die schönen.

Nirgends ist’s so verschieden wie in einer Ehe;
Auf gemeinsamem Weg unterschiedlich altern,
gemeinsam unterschiedlich stolpern,
gemeinsam lernen, daß sie unterschiedlich sind;
unterschiedlich fassen, daß sie eine Gemeinschaft sind.

Zu Zweit Geheimnisse verschweigen und horten;
unvorstellbare Erlebnisse an unvorstellbaren Orten;
Dennoch: zu zweit allein sein und allein zu zweit sich supporten;
Mit widersprüchlichsten und einfachsten Worten.
Nirgends ist‘s so seltsam wie in einer Ehe.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUCH SCHWARZE SIND MEHR

Schwarze haben nicht nur zu klagen.
Nicht nur Geschichte zu ertragen.
Haben auch Umgewöhnliches zu sagen.
Bei näherem Betrachten Normales.

Schwarze haben nicht nur zu feiern.
Nicht nur lustig herum zu eiern.
Haben auch Ungewöhnliches zu entschleiern.
Bei näherem Betrachten Normales.

Menschliches. Ich kann Gedanken lesen.
Augen-blicke sind Gedichte. Einfach ablesen.
Die Gesellschaft birgt unzählige Wesen.
Klischees durchbrechen ist etwas ganz Normales.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LIEBE LEICHT LIEBE SCHWER

Dein Leben ist ein Liebesgedicht;
Deine Art zu lieben ist leben;
Viel Erleben und wenig Verzicht;
Alles nehmen, geben, vergeben;
Lieben als Lebenspflicht.

Dein Wissen ist eine Liebeserklärung,
an die Liebe, ohne Erklärung;
Dein Wesen ist pure Liebesbekenntnis,
verwurzelt in der Erkenntnis:
Lieben ist Lebenslicht.

Große Worte, kalt, starr, schwer, hart.
Das war bis jetzt kein Gedicht.
Dein Gedicht kommt abends, leicht, zart,
der klamme Schmerz auf Deinem Gesicht,
Lieben als Lebensgewicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

Danke Christine für die Inspiration.

DER KUNSTGEIST VERBINDET DIE MENSCHHEIT

Der Kunstgeist verbindet die Menschheit.
Wir haben eine Geheimsprache.
Sonderbar, eine uralte Geheimwaffe.
Kommt: Wir üben jetzt damit Rache:

Gegen alle, die uns voneinander trennten,
einfach nur weil unsere Gleichart
tiefer liegt als alles, was sie begreifen konnten –
Wir aktivieren jetzt auch ihren inneren Part.

Wie muß es sich anfühlen,
plötzlich eine Fremdsprache zu verstehen?
Desorientierend? Beruhigend?
Der Kunstgeist will den Zeitgeist umdrehen.

Die Schönheit um der Schönheit willen.
Gemüt. Die Sprache des Menschengeistes.
Innere Stimme über äußerem Gewinnen.
Unsere Verbindung beweist es.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUS DER SCHWERE

Wenn es sein soll und richtig ist,
geht es immer schnell –
Mein Frühling läßt nicht lang auf sich warten.
Dein Winter ist Druck, ist Appell.
Denk nicht, daß Schwarz dunkel ist,
mein Herz brennt glühend hell.
Sei Du meine Leinwand heute Nacht,
meine Worte sind Pastell.
Schwere Tinte auf leichtem Blatt
und geboren wird Karamell.
Öffne Dich und fürchte Dich nicht –
dies ist alt, lebendig, rituell.
Dichten ist Lieben unter Druck,
das allerschönste Duell.
Das Gedicht, das stets dabei raus kommt,
ist l(e)icht, ist originell.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

“Aus der Schwere”: ein Titel, zwei Gedichte. Poesie-Kollaboration zwischen Christine Jendrike (Ideenlese) und mir.

ZEITBOMBEN

Ist das Dein Frühling dieses Jahr?
Kriegsvertriebene/r. Renn! Lauf! Fahr!
So schnell so weit wie möglich,
Du und alle unsere Fragen zuzüglich.

Mit den Blumen steigen diesmal Bomben.
Blüten blühen – und bluten.
Zeitbomben lassen sich nicht mehr verplomben.
Kurz vor 12, die letzten Minuten.

Ist das unser Frühling dieses Jahr?
Wut lang aufgestaut ist aufgetaut –
Geht die Menschenliebe unter die Haut?
Eine alte Mär. Ist sie Lüge oder ist sie wahr?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung