DIE LANGE REISE ZUM ANFANG

Es ist eine lange Reise
Die innere Stimme ist leise
Aber ihr Widerhall ist laut

Er kommt mit den Jahren
in Lehren, die wir erfahren
und geht uns unter die Haut

Die Haut wird alt, ergraut
Die leise Stimme wird laut
Vom Leben bestätigt mit der Zeit

Und am Ende der Reise
ruhig geworden und weise
bist Du endlich für den Anfang bereit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WIR DAS VOLK

Der Hund dreht seinen Kopf soweit er kann
verzweifelt zum Linken und zum Rechten
aber seine Schnauze kommt nicht ran
Er kann seinen Rücken nicht kratzen

Jemand anders muss es für ihn machen.
Dann gibt’s Erfolg.

Die Politik pendelt von den Linken zu den Rechten
Und wieder zurück mit keinem Ende in Sicht
Oszilliert zwischen den „Echten“ und den „Echten“
Und trifft die Mitte nicht.

Die Nicht-Politischen müssen es machen.
Wir das Volk.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EIN NEUER BUND

Ein neuer Bund
Basiert nicht auf Blut oder Boden
Sondern auf geistigem Grund -
Nur das allein führt nach Oben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

AUSSCHMERZEN

Bleibe in dem Schmerze drin
bis er sich ausgelebt, ausgeschmerzt, hat -
Erst dann bist Du wirklich frei.

Weiche ihm nicht vorher aus, oder zurück.
Schritt für Schritt geh mit ihm den Weg -
Er bringt Dir vieles Wichtiges bei.

Und er wird noch mehr schmerzen,
bevor er aufhört. Menschen, die Du liebst,
werden Dich verraten. Es sei wie es sei.

Und er wird noch mehr schmerzen
bevor er aufhört, so wie der Winter lang wütet…
aber danach kommen April und Mai.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

IN DEN AUGEN

Keine Augen sind blinder
als vorverurteilende
die alles schon besser wissen

Keine Blicke sind härter
als verletzte
die das Ersehnte vermissen

Keine Mienen sind kälter
als überhebliche
die durch Schweigen dissen

Keine Augen sind schärfer
als einsame,
Gewissen hin und her gerissen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HERBSTNARBEN

Wenn der Herbst kommt
komme ich an
Werden die Blätter bunt
zeige ich meine wahren Farben
Werden die Bäume nackt
seht Ihr meine schönen Narben
Vertrauen habe ich verlernt
In Deutschland irgendwann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DAS GEWICHT TRAGEN WIR MIT

Das Gewicht der Nation tragen wir mit
auf gleichgültigen Schultern
ganz egal die Herkunft unserer Eltern
packen wir mit an und halten Schritt.

Das Gewicht der Nation tragen wir mit
auf weitsichtigen Schultern
die Werte kennend die Unwertes herausfiltern
und stabilisieren langfristig unseren Tritt.

Das Gewicht der Nation tragen wir mit
auf belastbaren Schultern
denn hier leben, hier schaffen, hier altern
werden wir, mit verankert im Durchschnitt.

Das Gewicht der Nation tragen wir mit
auf leichten Schultern
leicht gemacht im selbstbewussten muntern
Stolz, der alle Lügen erfolgreich bestritt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WENN DU MICH ANSIEHST

Egal was Du siehst
wenn Du mich ansiehst
siehst Du nicht den Deutschen in mir
siehst Du mich nicht.

Egal was Du siehst
wenn Du mich ansiehst
siehst Du nicht den Nigerianer in mir
siehst Du mich nicht.

Egal was Du siehst
wenn Su mich ansiehst
siehst Du nicht den Menschen in mir
siehst Du mich nicht.

Egal was Du siehst
wenn Du mich ansiehst
siehst Du nicht den Fremden in mir
dann siehst Du mich wirklich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

*Vielen Dank an Edith Schwarberg für die tolle Illustration!

SCHICKSALSZÜGE

Zwei Züge stehen neben einander
auf unterschiedlichen Gleisen
Unterhalten sich eng miteinander
bis sie in getrennte Richtungen abreisen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LANG VERLOREN

Ich war lang verloren
und wusste es nicht
denn verloren sein gehört
zum Weg ins Licht.

Ich war lang verloren
und merkte es irgendwann
denn verloren sein fühlt sich
wie verloren sein an.

Ich habe mich nun gefunden
und liebe jetzt um so mehr
den Verlorenen, der ich einst war,
denn er führte mich zu mir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung