GEFANGEN AUF DER FALSCHEN SEITE

Wenn Freunde
aus dem Hinterhalt
angreifen…

Und Feinde
offen und direkt zuschlagen
ohne auszuschweifen –

Diese Erfahrung
verhilft uns zum schnelleren
tieferen Ausreifen.

Wissen macht traurig
Weisheit macht vorsichtig

Freunde können Feinde sein im Geiste.
Feinde können Freunde sein Deiner Werte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VIELFALT UND EINHEIT

Trennwand
trenn Dich von der Trendwand.
– laß das linke ins rechte
und das rechte ins linke Herz blicken.
– laß das männliche ins weibliche und
das Weibliche ins Männliche hineingucken.
– laß das junge ins alte,
das alte ins junge Gemüt Einsicht erhalten.
– laß das fremde ins fremde, laß das
menschliche im menschlichen sich einschalten.
Trennwand,
trenn Dich von der Trendwand –
… befreie uns von dem Trendwahn.
Es gibt stets mehr Optionen, als ich ahn.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BEWAHRE DEINE KINDLICHKEIT

Kann es sein, daß
Kinder aus der Zukunft kommen,
in die Gegenwart geboren werden und
in der Vergangenheit sterben?

Wir wissen als Kinder mehr
als wir verstehen,
ringen als Erwachsene mit der Diskrepanz
zwischen Wissen und Verstehen –
Und sterben als Greise, die
weniger wissen als sie
vorgeben, oder glauben, zu verstehen.

Für manche fängt das Leben mit vierzig an
Für manch andere ist es mit vierzig
schon längst getan.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUSAMMEN ENTFALTEN

Die Gespräche fingen an
sich innerlich zu wiederholen
Dennoch veränderten sie sich
in ihren äußeren Inhalten

Sie selbst wurden älter
wurden zu Symbolen
Vergaßen ihre neuen Worte
Erinnerten sich nur an die alten

Sehr leicht auszudrücken
in den einfachsten Parolen:
Ich liebte mal Deine glatte Haut,
jetzt lieb ich Deine Falten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAG DER UNVEREINTEN

Wer ist der Arbeiter?
Ist er ein Migrant
oder ist er ein Einheimischer?

Denn egal wie arm beide sind,
scheinen sie sich nie zu einigen
gegen ihren gemeinsamen Peiniger –
Der thront über ihnen als Alleiniger
Herrscher über Arbeit und Arbeiter.

Und schmunzelt und schweigt überall
Lang lebe und führe das Kapital.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JÜNGLICH ALTERN

Mein Leben rast mit Geisteseile
durch meine Jahre hindurch
und macht mich älter schneller
als ich es überhaupt fassen kann

Und atemlos, pausenlos, gedankenlos
renne ich ihm hinterher
und versuch, mich länger jünger zu halten
als ich die Jahren überhaupt noch zählen mag.

Doch einer zählt nicht mit
Amüsiert sitzt er auf meinem Rasen
und genießt die wilde Fahrt durchs Leben
und bleibt still und ruhig, mein Geist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINST WAREN SIE KINDER

Einst waren sie Kinder
spielten und dachten wie Kinder
spielen und denken
die noch nie blutige, tote Verwandten
gesehen haben..
die noch nie nach Eltern und Geschwistern
gesucht und geweint haben
vergebens
und unter fremde Menschen gelandet sind…
die noch nie die Kindheit und alle Kindlichkeit
aus ihren Herzen gerissen haben
um wie Erwachsene zu denken
zu handeln
zu töten
zu überleben…
die nicht mehr wussten, wie es ist,
Kinder zu sein…
Einst waren sie Kinder und
spielten und lachten und dachten
wie Kinder.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU BIST STARK GENUG

Die Frau kann nicht der bessere Mann sein
Der Mann kann nicht die bessere Frau sein
Yin und Yang
Schweigen und Klang
Freiraum und Zwang
Ruhe und Drang
Jedes ergänzt doch kann nie das andere sein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NÄCHTLICHE SEITEN

Du denkst, Du fährst durch die Nacht
Doch am Ende der Reise
steigst Du aus dem Zug und begreifst
Es ist die Nacht
die durch Dich hindurch gefahren ist.

Weil die Orte die Plätze getauscht haben
und Du bist noch, wo Du warst
Weil Abend und Morgen die Seiten
gewechselt haben
Über Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHLAFLIED ZUM NACHTZUG

Sie schlief ein
Und wurde wieder Kind
Und wurde wieder Kind während sie schlief

Ihr Körper sackte in sich zusammen
Übergab sich kindlich vertrauend
Dem starken unbequemen Sitz
Und entwickelte eine schutzlose Verletzlichkeit

Dann kam die kleine Nachtmusik
Der Nachtzug trommelte rhythmisch
Zuerst pfiff sie mit, einszweidrei einszweidrei
Doch bald schnarchte sie einsundzweiunddreiundvier
Und der Zug, Begleiter, trommelte weiter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung