NÄCHTLICHE SEITEN

Du denkst, Du fährst durch die Nacht
Doch am Ende der Reise
steigst Du aus dem Zug und begreifst
Es ist die Nacht
die durch Dich hindurch gefahren ist.

Weil die Orte die Plätze getauscht haben
und Du bist noch, wo Du warst
Weil Abend und Morgen die Seiten
gewechselt haben
Über Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHLAFLIED ZUM NACHTZUG

Sie schlief ein
Und wurde wieder Kind
Und wurde wieder Kind während sie schlief

Ihr Körper sackte in sich zusammen
Übergab sich kindlich vertrauend
Dem starken unbequemen Sitz
Und entwickelte eine schutzlose Verletzlichkeit

Dann kam die kleine Nachtmusik
Der Nachtzug trommelte rhythmisch
Zuerst pfiff sie mit, einszweidrei einszweidrei
Doch bald schnarchte sie einsundzweiunddreiundvier
Und der Zug, Begleiter, trommelte weiter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER DRUCK DES FRÜHLINGS

Wie ein Neuling
springt der Frühling
aus der Fantasie der Natur herraus,
tobt sich entzückt, zögernd, aus
wie ein kleines neues Kind zu Besuch,
begeistert von jeder Sicht, jedem Geruch,
alles aufsaugend und wiedergebend,
zu spät jeder Morgen, zu früh jeder Abend,
ahnend flüchtig, daß die Kindheit
mit all ihrer magischen Schönheit
die kürzeste Zeit ist der Lebenswanderung…
bleibt aber am längsten in der Erinnerung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LAND OHNE MITTE

Die Mitte klafft sich auseinander
Die neue Mitte ist ein Vakuum
Wir fallen alle hinein
Und kämpfen erbittert um die Mitte

Worte, Begriffe, Themen
Fallen unserem Ringen zum Opfer
Am Ende wird vor allem sterben
unsere Fähigkeit zu Vertrauen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALLES IST NICHTS

Du musst die Zeit haben
Um die Zeit zu vertreiben
Du musst die Leere in Dir tragen
Um Dich an der Leere zu zerreiben
Du musst die Liebe spüren
Um die Liebe zu hassen
Du musst zu Deinem Schmerz gehen
Um Deinen Schmerz zu verlassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEINE ROLLE

Anders sein
durch Du-selbst-sein
um die Lücke zu schließen…

Deine Rolle ist es nicht
Leichtes zu wiederholen
sondern Schweres zu erschließen…

Noch mehr als Deine Feinde
wirst Du Deine Freunde
enttäuschen und verletzen

Denn anders als sie denken
bist Du nicht da
um ihre Gedanken umzusetzen

sondern um sie zu erweitern.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RÄTSEL DER EINSAMKEIT

Jeder Mensch leidet
zu einem gewissen Grade
an Einsamkeit.

Jedes Blatt in der Abendsonne
ist ein einsamer Gedanke
eines einsamen Baumes
eines einsamen Waldes
eines einsamen Planeten.

Wenn viele Einsamen zusammen kommen,
wird die Einsamkeit vertrieben
oder wird die Einsamkeit verstärkt?

Wenn viele Ebenen der Einsamkeit
auf einander treffen
gleichzeitig in Dir als Treffpunkt,
ist dann alles stimmig in Dir
oder bist Du verstimmt?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEGENSEITIG ZUHÖREN

Die Mitte
wie ein Vakuum
dehnt sich immer rasanter aus
drückt links und rechts weiter auseinander
bis wir uns nicht mehr gegenseitig hören
über die quer unüberbrückbare Distanz
der weiten lautlosen toten Mitte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GENERATION VERTRAUEN

Kinder werden getestet
Eines Tages geimpft
Mit was
Gegen was
Die Wenigsten wissen es wirklich

Wir vertrauen.

Die Zukunft wird geimpft
Gegen die Vergangenheit?
Oder gegen sich selbst?
Wir vertrauen einer Gegenwart
die keiner wirklich versteht.

Vertrauen ist unser Impfstoff
Gegen Angst
Gegen Fragen
Gegen Halbwissen
Gegen Unsicherheit

Mit wenn und aber. Wir vertrauen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FERNZEUG

Ein Flugzeug
Einsam und ernst
Strebt einem fernen Ziel zu
Doch alles, was es erreicht,
Ist die Ankunft in mein Herz.

Egal wie weit es fliegt
Entkommt es meiner Sehnsucht nicht
Egal wie hoch es steigt
Verschwindet es nie aus meiner Sicht –
Fernweh.

Traumraum
Der wahre Wolkenkratzer
Beweglicher Gedanke
Flugweh…
Du schönes Fernzeug.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung