WENN DU MICH ANSIEHST

Egal was Du siehst
wenn Du mich ansiehst
siehst Du nicht den Deutschen in mir
siehst Du mich nicht.

Egal was Du siehst
wenn Du mich ansiehst
siehst Du nicht den Nigerianer in mir
siehst Du mich nicht.

Egal was Du siehst
wenn Su mich ansiehst
siehst Du nicht den Menschen in mir
siehst Du mich nicht.

Egal was Du siehst
wenn Du mich ansiehst
siehst Du nicht den Fremden in mir
dann siehst Du mich wirklich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

*Vielen Dank an Edith Schwarberg für die tolle Illustration!

SCHICKSALSZÜGE

Zwei Züge stehen neben einander
auf unterschiedlichen Gleisen
Unterhalten sich eng miteinander
bis sie in getrennte Richtungen abreisen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LANG VERLOREN

Ich war lang verloren
und wusste es nicht
denn verloren sein gehört
zum Weg ins Licht.

Ich war lang verloren
und merkte es irgendwann
denn verloren sein fühlt sich
wie verloren sein an.

Ich habe mich nun gefunden
und liebe jetzt um so mehr
den Verlorenen, der ich einst war,
denn er führte mich zu mir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

AUGEN SPRECHEN

Augen sprechen
Oh! Wie laut sie sprechen.
Und deutlich. Eloquent!
Lass Dich für nur einen Moment
Von fremden Menschen heimlich
Mustern, bewundernd, unheimlich,
Einladend, ablehnend, freundlich,
Feindlich, lüstern, neugierig, kindlich,
Für Dich, gegen Dich, durch Dich
Hindurch, egal. Du fühlst Dich
Beobachtet, deutlich. Du drehst Dich um
Eure Augen treffen sich kurz und - Boom!
Ich weiß, was Du denkst wortwörtlich
Und Du weißt, was ich denke ziemlich
Genau, als hätten wir es mit Worten gesagt -
Meinungen ständig gegeben ungefragt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

UNSERE STUNDE

Wie in Mordor oder dem Imperium,
Der Überlegene sieht nur seine Stärke,
Begreift allein seine persönlichen Ziele,
Kennt nur die Macht seiner eigenen Werke.
Die Schwerkraft seiner Arroganz
Hält seine Wahrnehmung der Realität
Auf sich gerichtet, in sich selbst gefangen,
Verpönt Sachlichkeit, verlangt blinde Loyalität.

Verteidiger und Verteidigerinnen
der Menschheit Werte, Ihr werdet gesucht;
Dies ist Euer Kampf zu gewinnen,
Jetzt ist Eure Stunde, ergreift nicht die Flucht
weg von Eueren Tugenden und Werken.
Sehnsucht erfüllt das Herz der Menschheit.
Lebt und gebt Eure größten Störken:
Menschlichkeit, Wahrhaftigkeit, Einigkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NICHT DAS ERSTE MAL

Die Welt wurde so schnell anders
Wir sind alle noch verwirrt -
Und dennoch. Es ist nichts besonderes.
Die Welt hat sich früher schonmal verirrt…

Und nachdem wir den Schock überstanden
hatten, haben wir uns als Menschen neu erfunden,
und retteten tapfer der Menschheit Schicksal.

Bullys glauben immer an die Macht ihrer Waffen
und unterschätzen den Menschengeist jedes Mal.
Aber auch dieses Mal werden wir es wieder schaffen!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WARUM MENSCHEN VERSCHWINDEN

Weißt Du?
Menschen verschwinden
Nicht wenn sie entführt werden
Nicht wenn sie sterben
Nicht wenn sie vergessen werden…

Menschen verschwinden
Wenn sie nicht mehr geliebt werden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NACH DEM STURM

Immer
Nach dem der Sturm gewütet hat
Immer
Nach dem der Sturm sich gelegt hat
Immer
Ist es darnach so
Als wäre überhaupt nichts passiert
Immer
Ist es darnach so
seltsam still… sterilisiert… saniert.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FREUDE SÜCHTIG

Freude
Süchtig machend
Flüchtig wie Dämmerung
Morgen und Abend

Dazwischen einmal die denkende Nacht,
Einmal der schaffende Tag. Einer lacht,
Eine weint. Beides ohne Freude gemacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WEN SEHE ICH?

Wen sehe ich?
Dich? Oder mich?
Dich sehe ich
seit langem nicht mehr…
Ich sehe nur mich -
und das auch nur ungefähr…

Meine Ängste, meine Erinnerungen -
Meine Schmerzen, meine Empfindungen-
Meine Freuden, meine Hoffnungen -
Meine Schatten, meine Erwartungen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung