HAUT

Haut ist laut
Vertraut

So vertraut
Sie klaut uns den Einblick,
verbaut uns fein den Eintritt
in die Welt unter der Haut

Gleichart ist nicht immer Gleichart
Unter der Haut …
Umgekehrt.
Welten und Welten von Geheimnissen
sind dadrunter verstaut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MINORITÄTEN

Jede Gesellschaft hat einen Saum,
einen Rand an seinem Außenraum,
weder Abschaum noch nur Schaum;
ein festes Glied, aber klein. Ein Daumen.

Ein Schweigen mit feinem Gaumen.
Alles sehend, alles riechend, alles hörend
Alles meidend, und ergänzend, und störend
Von allem ausgeschlossen, zu allem dazugehörend.

Eine Anklage gegen das Weltgewissen
Eine Infragestellung unseres Begriffs von Wissen:
Warum ist jede Gesellschaft hin- und hergerissen
Zwischen Toleranz und Haß?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PUZZLETEILE DER MENSCHHEIT

Ich komme aus einer Welt,
die mich nicht versteht
und lebe in einer Welt,
die mich falsch versteht,
weil ich in der ersten Welt zur zweiten
und in der zweiten Welt zur ersten
angeblich gehöre oder gehören sollte.

Äußerlich unterdessen
kämpfe ich in der ersten Welt für Rechte,
die es in der zweiten gibt,
und in der zweiten für Rechte,
die es in der ersten gibt
und frage mich, ob sie sich je
in der Mitte treffen werden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNGENOMMENE HERZEN

Herzen. Sie hängen schwer beladen
wie längst reife Früchte vom Baume der Gefühle runter,
sehnen sich brennend danach,
genommen und verzehrt zu werden…

Doch nicht alle Herzen werden genommen.
Manche werden schwerer und schwerer,
fallen zu Boden und werden Teil der Sehnsucht,
die die Welt immer mehr verzehrt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERBORGENE SAITEN

Meine Gitarre
singt mir lautlose Lieder
jede Nacht

Trost für den harten Tag
Träume für die weite Nacht
Erinnerungen für morgen
Lautlose Grüße von mir zurück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LOCKDOWN

Wie die Augenlider eines müden Wesens
schließt ein Laden nach dem anderen
bis das ganze Land eingeschlafen ist und
durch Mund und Nase nur noch gedämpft schnarcht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKEN ALS FALLTÜRE

Ich begab mich auf die Suche
nach dem Gedanken,
der mich so traurig stimmte eben…
doch ich konnte mich nicht mehr an ihn erinnern –
So schnell wie er kam, verschwand er wieder
Hinterließ nur diese Traurigkeit.

Aber als ich weiter fahndete
fand ich einen anderen Gedanken
der in mir eine Vorahnung tiefer Freude auslöste
Ich flog und flog, vergaß die Traurigkeit…
bis ich wieder zu mir kam und erneut
nach dem Freude auslösenden Gedanken griff…

Doch auch er war weg. Vergessen.
Zurück geblieben ist nur die Empfindung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER NACHTMUND

Lärm.
Der Baum hört seine Gedanken, seine Blätter, nicht mehr.
Lärm.
Das Herz hört das Rauschen seines Botschafters, seines Blutes,
nicht mehr.
Denn die Nacht ist angebrochen.
Mit ihren Millionen Stimmen der Dunkelheit.
Der Mund ist aufgegangen –
Im Märchenwald hört man‘s klarer.
Augen zu. Gute Nacht.
Und morgen alles wieder vergessen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER INNERE STURM

Nach dem Sturm
Kommt der innere Sturm
Ich finde immer noch keine Ruhe

Kein Zufluchtsort
Ist Hort genug. Ich muß fort.
Es lebe die Unruhe.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUM TEUFEL

Und der Teufel brach der Welt die Brust auf
Und riß ihr das Herz aus ihrem Schreihals raus
Und fraß es blutend vor unseren Tränen auf
Und wir haben mit unseren Fingern ihm die Zunge abgeleckt
Und es hat uns zutiefst geschmeckt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung