FREMDE UND FREUNDE

Obwohl ich als Freund winkte
saht Ihr einen Fremden -
Als ich wie ein Fremder wirkte
wurden wir zu Freunden.

Ist dies die Eigenart des Fremden,
daß es uns zu Fremden macht
um Freunde zu werden?

Ist dies die Eigenart der Freundschaft,
daß sie uns zu Freunden macht
obwohl wir Fremde waren?

Wie viel von Dir, wie viel von mir,
müssen wir gegenseitig uns abgeben?
Wie viel von Dir, wie viel von mir,
müssen wir uns gegenseitig abnehmen?

Um freundliche Fremden zu werden.
Oder fremde Freunde?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

KLEINE SCHRITTE

Kleine Schritte stündlich
Oder täglich auch.

Kleine Gedanken im Kopf
Große Gefühle im Bauch.

Tropf Tropf Tropf Tropf
Hauptsache Dauerlauf.

Der Schmerz hört plötzlich
Und unerwartet auf.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WIEDERHOLUNGEN

Um vieles zu verstehen
muss man verstehen
daß Menschen gehen
und kommen und gehen.

Wenn wir uns sehen
ist es ein Wiedersehen
Die Runden, die wir drehen,
sollen wir lösend umdrehen.

Wir wiederholen alte Ehen
und Kriege wo wir stehen
Neue Stimmen flehen
wo alte Winde noch wehen.

Die Zeit heilt keine Wunden
Das machen nur Menschen -
Rückkehr in den jetzigen Stunden
sich zu lieben oder zu bekämpfen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EINFACH SO SEIN

Nicht jeder einsame Mensch
will Geselligkeit
Nicht jeder hungrige Mensch
will eine Mahlzeit
Nicht jeder desorientierte Mensch
will sich wieder erden
Nicht jeder verlorene Mensch
will gefunden werden

Manchmal will der Mensch
einfach so sein wie er ist
weil er genau das braucht
und nichts vermisst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LIEBEN UND HASSEN

Ich liebe lieben
Aber wenn ich hassen hassen würde
Würde das bedeuten, daß ich hassen liebe?
Dieses Paradox präsentiert sich als Hürde
Auf dem Weg des Widerstands gegen den Hass
Und bildet des Lichtkriegers‘ Bürde:
Hassan zu besiegen ohne selbst zu hassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ERDDORF

Die Welt ist zu einem Dorf echt geworden -
Wir erleben uns alle gegenseitig in Echtzeit.
Sympathien und Ressentiments, einst verborgen,
merken, wie nah sie sich sind. Sie waren nie so weit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

TRAURIGE LÄCHELN

Es gibt Menschen
sie lächeln immer
aber in ihren Augen
leuchtet kein Schimmer

Traurigkeit tarnt sich
als Freude regelmäßig
Im Verhalten sanguinisch
Im Herzen melancholisch

Ich liebe Dein Lächeln
aber die Einsamkeit
in Deinen trüben Augen
Erfüllt mich mit Traurigkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GEDANKENTAUSCH

Ich höre meine Gedanken nicht
Ich höre Eure und die sind auch schön
Sie sprechen von Neugier und Rücksicht
Sie fühlen sich an wie ein Gedicht
Bodenständig und schwebend in den Höhen
Beides Gleichzeitig.

Soll ich mich Euch öffnen? Nein?
Soll ich mich Euch öffnen? Ja?
In der Menge fühle ich mich oft allein -
Manchmal ist es besser, fremd zu sein
Für Berührung zu weit, in der Sehnsucht nah
Sich anziehend gegenseitig.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZWISCHEN SONNENUNTERGANG UND MITTERNACHT

Wenn die laute Stadt leise wird,
nachdenklich, beobachtend,
verlegen, häuslich fast, ein Herd…
Nordend, Westend, Ostend
und Frankfurt-Süd fahren runter…
Die Gemüter, tagsüber so munter,
werden schweigsamer – bunter
werden nur Liebesmut und Dichtergeist.
Weißt Du, wie dieser Moment heißt?
Zwischen Sonnenuntergang und Mitternacht,
wo die Welt schon müde ist aber noch wach,
das Herz schon lächelt aber auch noch lacht,
die Stadt noch vielfältig ist aber jetzt einfach.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DAS GLEICHARTIGE

Die Scheinwerfer sind meine Straße
Die Nacht bildet mir eine Gasse
Durch meine Gedanken

Um frei zu werden vom Zanken
Such Dir vor allem Deine gleichartige Klasse
„Mensch“ ist eine Gattung und keine Rasse.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung