DU BIST MEINE SONNE

Die Erde ist echt schräg
liegt mal Kopf mal Fuß zur Sonne
und hört nicht immer zu

Es liegt in meiner Natur
nie ganz bei Dir zu sein
Ein Teil von mir bleibt Dir immer fern

Aber damit Du weißt
daß ich Dir immer noch gehöre
liegt das andere Ich Dir um so näher.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WENN’S UMS ÜBERLEBEN GEHT

Einige Stimmen erhoben sich
am Anfang der Coronakrise:
Tiere, die nicht überleben können
werden ausgestoßen aus dem Paradiese.
Laßt die Alten doch sterben,
die Schwachen aussterben.

Es waren unter diesen Stimmen
auch Stimmen jüngerer Menschen,
unserer Hoffnungen von morgen.
Wirklich viele Gründe zum Nachdenken
gibt uns die Coronakrise –
darunter auch diese.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ALLES IST POETISCH

Alles ist poetisch
wenn Du genau hinhörst
nach Innen gehst
leise wirst und nicht störst
im Widerhallhall der Götterstimmen
denen Du gehörst
wo Du nachsagend Freude singst
Schmerz trinkst, Treue schwörst
und zu Deinem Ich wirst –
Da wo sich im Dunkel und im Licht
alle Deine tiefsten Entscheidungen keimen.

Wenn Du dadrinnen bist
wirst Du leise sehen
daß der Zufall nichts macht
überhaupt aus Versehen
Die Spinnweben des Schicksals
erfassen jedes Vergehen
und die guten Absichten, die
manchmal auch dahinter stehen
und weben Dir im Handumdrehen
alles geschickt zu Deinem Lebensgedicht –
denn es wird sich zum Schluß alles reimen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ALLES IST POLITISCH

Alles ist politisch
das Schulsystem, der Arbeitsmarkt
das Gesundheitswesen und Unwesen
Gesellschaftsnormen, -formen, -regeln
Denken und Beobachtung
jede Schwäche plötzlich wieder erstarkt
oder Stärke angeblich verschwunden
durch wissendes Seil der Politik verbunden
populäre und umstrittene Thesen
Alles. Güte, Neutralität, Anfeindung
Kämpfen. Schweigend mit segeln
Schweigen
Vor allem Schweigen ist politisch
in Händen der mutigen und der feigen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

AUF SEINEM RÜCKEN

Mir fehlt Schwimmbad
Blau. Der Geruch vom Chlorwasser.
Mir fehlt Kindheit. Kindlichkeit.

Mein Vater schwamm seine Bahnen,
Brust, trug auf seinem Rücken
mal mich, mal meinen Bruder, mal
meine Schwester, obwohl sie Angst hatte.

Mir fehlt das laute Geschrei, das
Lachen und das kindliche Bitten:
Bitte, Daddy, noch einmal.

Ich bin froh, daß er lebte
daß er mich auf die Welt brachte
daß er schwimmen konnte
und daß er mich auf seinem Rücken trug.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

RÜCKKEHR INS DUNKEL

Und so kehrt der Totalitarismus zurück
als heldenhafter Ritter in glänzender Rüstung –
und die dankbaren Völker auf ihrer Brüstung
aus äußerer Angst und innerer Verwüstung
schenken ihm jubelnd ihre Freiheit zur Begrüßung
und fassen nicht ihr Glück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

RÜCKKEHR INS LICHT

Ich wünsche mir manchmal
meine Gedanken wären Brücken
über die Ritter zu mir ins Tal
meines Lebens würden vorrücken

– ja, Ritter. Reiter. Retter.
Mit einem zusätzlichen Pferd
für mich, fit für jedes Wetter,
und Schild und Schwert

Ich brauche keine Antworten
denn ich habe keine Fragen
Sehnsucht habe ich, nach Orten
die so wirklich sind wie Sagen.

Dann würde ich los reiten
und meine Gedanken überqueren
denn zu denken ist zu leiden –
und zu träumen ist zurückzukehren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MORGEN GIBT ES HOFFNUNG

Viele sind die Gründe und
alle berechtigt zum Boden sein
dem Grab Deiner Lebenslust
doch ist das ein Loch ohne Boden
Du wirst nie aufhören, zu fallen
nie die Befriedigung erleben des
harten Anpralles. Was könnte schlimmer
sein, als Dich auf Erden umzubringen,
nur um zu spät zu erfahren, daß
Du im Jenseits weiterlebst und weiter leidest?
Hier ist Deine Wende
Du brauchst Dich nicht töten – die
Nacht erledigt Dir das jeden Abend,
damit Du morgen einen neuen Versuch
wagen kannst, zu leben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GRENZGEBIET

Wie dünn die Trennwand
zwischen Herz und Hand
zwischen See und Sand
zwischen Luft und Land

Kaum lebe ich
bin ich schon tot
Kaum sterbe ich
lebe ich schon wiederholt

Wie dünn die Trennwand
zwischen Kern und Rand
zwischen Wert und Tand
zwischen Bruch und Band

Jedes Wort hat zwei Seiten
Viel zu viele Freundschaften
sind vergiftet von Halbheiten
tödlicher als alle Feindschaften.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

UNAUFHÖRLICH

Die Jahre ziehen

die Zeit in die Länge

die Züge nach unten

die Haare aus

die Hüllen auseinander

die Empfindungen nach oben

weiter

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung