MACH EINFACH!

Lauf! Schneller!
Strahl! Heller!
Leb! Wohler!
Mach! Fehler!
Steh auf und geh weiter.

Dein Glück, Du bist der Hersteller.
Deine Rolle, Du bist der Darsteller.
Deine Geschichte, Du bist der Erzähler.
Überzeuge Dich, Deinen wichtigsten Wähler -
So bleibst Du froh und heiter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ABRUTSCHEN

Hatte jeder obdachlose Mensch
früher mal ein Dach über dem Kopf?
Ging in den Kindergarten, zur Schule,
kannte Familie, Wärme, Mamas Topf?
Spielte mit anderen Kindern sorgenfrei,
träumte vom tollen Erwachsenenleben?
Stellte sich dann stolz und zuversichtlich
deren Herausforderungen und Streben?

Was, wann, wo, warum lief es schief?
Mein bester Freund, Deine Schwester gar.
Ein Vater, Nachbarn, die alte Klassenlehrerin.
Eine tiefe Bindung macht aus uns allen eine Schar.
Dieses Verbindende ist unsere Vulnerabilität -
Sie verpflichtet uns zur wachen Mitmenschlichkeit,
Denn keiner ist ganz sicher vor dem Abrutschen
über den Rand und in die Obdachlosigkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EIN ENDE NAHT

Es ist jedes Jahr lustig
zu beobachten wie tückisch
der Sommer unter dem Anschein
noch eine Weile da zu sein
sich langsam zurück zieht
der Tag täglich früher flieht
die nachdenkliche Kühle beginnt
sich zu melden, das Herz besinnt
sich häufiger seine Sterblichkeit
und ahnt seiner Unsterblichkeit.
Noch ein bisschen Sommer und Spaß
bald kommt Herbst, Reife und Gravitas
zuerst bunt, dann nackt und blass.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MEINE INNENSAITEN

Du spielst mich wie ein Instrument
aber ich bin verstimmt
Die mir abgewonnenen Töne sind ambivalent
eher verloren und unbestimmt

Meine Innenseiten sind Gitarrensaiten
Stimme sie, anstatt mit mir zu streiten -
Ich und alle meine verrückten Seiten
Du wirst uns brauchen in schwierigen Zeiten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NACHTRUHE (3)

Manchmal ist mein Herz
ruhiger als die ruhigste Nacht
tief in seinem Schmerz
obwohl es weint, obwohl es lacht
schaut es aufwärts.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SCHÄTZE SCHÄTZEN

Schätze schätzen
Sätze mit Bedacht einsetzen
Auch gut gemeint kann verletzen
Beziehungen richtig einschätzen
Hassworte kann man nicht zurücksetzen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZWEI WEGE IN EINEM

Meine Schuhe kennen nicht den Weg.
Ich aber.
Ich kenne nicht den Weg.
Meine Schuhe aber.

Ich weiß, wo der Weg lang geht.
Sie wissen, wie sich der Weg anfühlt
und wie man den Weg geht.

Zusammen meistern wir den Weg.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

OFFENE UND GESCHLOSSENE HERZEN

Wir landen
Ohne daß wir Neues fanden
Wir landen genau dort
Wo wir einst standen
Auch hier an einem neuen Ort

Wir bereisen die Welt
Und begegnen überall dem gleichen Geist
Wir bereisen die Welt mit geschlossenen Herzen
Und finden überall deshalb meist
Nur die selben Wände, die gleichen Schmerzen.

Zeitreisende wissen nicht mehr
Weltenwanderer wissen nicht mehr
Jenseitige wissen nicht mehr
Als Du, wenn ihre Herzen zu sind
Und Deins offen. Sie bleiben blind.
Du aber wirst immer tiefer, je mehr Du zulässt
Auch wenn Du Deinen kleinen Ort nie verlässt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NACHTFLÜGE

Tags fliege ich dahin
wovon ich nachts nur träumen kann
Nachts fliege ich dorthin
wovon ich Tags nur träumen könnte
könnte ich mir bewusst irgendetwas gönnen
woran ich tagsüber aber mich nicht erinnern kann
denn nachts fliege ich Heim.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GIESSET DIE BLUMEN

Alle diese Gedanken,
die wir denken, in die Welt setzen,
was geschieht mit ihnen?
Die die ätzen, vernichten, verletzen.

Wir kommen und gehen
aber unsere Gedanken bleiben
wie unsichtbare Wolken
die verdichtend nicht weiter treiben.

Gedanken der Habsucht,
der Ichsucht und der Selbstsucht,
Gedanken der Eigensucht
und weniger der Lichtsehnsucht.

Ab und zu in der Wüste
hier und da ersprießt unerklärlich
eine einsame tapfere Blume.
Halte durch, Du bist unentbehrlich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung