WENN DAS HERZ LÄCHELT

Ein Lächeln blühte mir aus dem Herz

Was ist Realität?

Lächeln? Blühen? Herz?
Oder ist Realität
Das, was das alles ermöglicht?

Was denn ist Realität?

Wenn das Herz lächelt, blüht
Irgendwo eine Rose im Lande der Wirklichkeit.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HAUT REIN

Mein Haut ist Kraut
Und zäh und laut
Würzig gebaut
Ist aber auch nur Haut
Verwundbar empfindlich zart

Ich kann sie an und ausziehen
Ihr nennt das Geburt und Tod
Ich denk an meinen Ausgehmantel
Der altert langsam oder wird beschädigt
Und muß eines Tages ausgewechselt sein.

Ist ein Migrant ein Einwanderer
Oder ein Auswanderer? Was überlegt
Er sich nachts, wenn er sich einsam fühlt
Und ahnt, hier komme ich nie an –
Zurück oder bleiben oder weiterwandern?

Die Haut aber weiterhin ergraut
Während es sich auf der Erdenbahn staut
Menschlein, Menschsein ist Mensch sein
Schön sein ist Mensch sein. Zuhause sein
Ist Mensch sein. Egal in welcher Haut.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MORGENSTUND

Wo kommt die Kraft her?
Denn vor einer Sekunde
War sie nicht da…
Ich war in der Nacht eine Wunde

Ich war Erinnerung
Ich war Gerücht in aller Munde
Ich war meiner eigenen Einbildung
Machtloser Kunde

Ich war Nachdenken
Sucher, doch ohne Funde
Hamlet und Lady Macbeth
Ich litt mit Euch im Bunde

Wo kommt die Kraft her
Zu goldener Morgenstunde?
Im Kreise meiner Gedanken
Dreht täglich eine Sonne ihre Runde.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HALLO

Hallo ist nicht immer Hallo
Ich muß genauer hinhören
Er sagte nie und niemals Hallo
Könnte ich fast schwören

Hallo hört sich anders an
Egal in welcher Sprache
Hallo fühlt sich anders an
Auch wenn ich nicht lache –

Ein sanfter Nachtregen
Unerwarteter Gottessegen
Schilder auf unbekannten Wegen…
Das ist Hallo – so kommt es an

Unsichtbare Naturwesen
Ein verbindendes Buch lesen
Veranlassen, daß unsere Seelen genesen…
Das ist Hallo – so fühlt es sich an.

Besser ehrlich schweigen
Als mit Hallo lügen
Ohne Herz und ohne Augen
Sich gegenseitig betrügen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

LÜCKENFÜLLER

Der Himmel ist nur dann blau
Wenn ich nach oben schaue
Normalerweise ist er grausam
Keine Anteilnahme

Was ist anspruchsvoller in der Zeit:
Die Endlichkeit oder die Unendlichkeit?
Unendliche Zeit ist schwierig
Jeder Tag ist eine Herausforderung
Kein Müßiggang

Jeden Tag überrascht uns irgendetwas
Das Unerwartete erwarten wir ja immer
Dennoch überrascht es uns – und eines Tages
Wir es der Tod sein.
Und eines Tages wird es der Tod sein.

Wiedergeburt. Neugeburt.
Brücke ist nur dann Brücke
Wenn ich mich überbrücken lasse
Beglücken lasse von der Kehrseite
Des unerwarteten Regenschauers
Sonst ist sie bloß eine Lücke

Dann bist Du der Lückenfüller
Und merkst es nicht, bis die Lücke wieder
Verschwunden ist und Du stürzt zu Boden
Augen nach unten gerichtet, anstatt nach oben.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ARBEITSSUCHE

Ein Fuß nach dem anderen
Verschwindet Richtung Arbeitsamt
Mit Hoffnung entflammt
Ein Herz nach dem anderen
Sehnt sich nach Beschäftigung
Befestigung und Bestätigung:
Auch. Ich. Bin. Jemand.

Was bleibt dem Menschen noch übrig
In einer post-menschlichen Welt
Ohne Geld als Arbeitsfeld?
Ohne Genehmigung ist gesetzwidrig
Neues, ob Jugend, Vorstoß oder Tugend
Es bleibt nur Altes, ungenügend
Verteilt. Aus. Land. In. Land.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ERNÄHRUNG

Hand ausgestreckt
Nach einer Realität
Jenseits des Ausgedachten
Das Jenseits wurde nicht ausgedacht

Ursprung versteckt
Ursprung einer Loyalität
Zum treibenden Nicht-Ausgedachten
Leere Räume haben’s mir beigebracht

Ein leerer Raum
Voller Wunderkraft und Macht
Wirklich, kein Traum
Ich hab’s mir nicht ausgedacht –

Die Zeit ist mein Wunderraum:
Bis sie täglich in sich zusammenbricht
Muß ich finden neu den Wunderbaum
Und pflücken mir ein Gedicht.

Mein Jahr der deutschen Dichtung
Gibst mir Halt, Nahrung, Richtung
In mitten des Waldes menschlichen Wirrwarrs
Öffnest Dich einmal täglich, helle Waldlichtung.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

CHE: Im Gespräch mit Dorcas Spitzhorn & Jahman Anikulapo / („Der Tropfen“ – ein Gedicht von Dorcas Spitzhorn)

Bei einem Treffen heute im Social Impact Lab Frankfurt sagte mir Dorcas Spitzhorn, daß sie sich von mir und meinem täglichen Dichten inspirieren ließ und am Samstag ein Gedicht schrieb! Wow! Dann musste ich auch noch das Gedicht von Dorcas – „DER TROPFEN – vor laufender Kamera vorlesen, was ich gerne tat. Der nigerianische Journalist Jahman Anikulapo war auch dabei.
DAS JAHR DER DEUTSCHEN DICHTUNG wird immer lebendiger 😊

ZUSAMMENZUG DER MENSCHLICHKEIT

Wie oft schon
In mahnendem Ton
Sprach ich zu meinen Kindern:

Vor Bus und Bahn
Und an Straßen entlang
Bleibet fern von den Rändern.

Vor unbeabsichtigtem
Schieben, Stolpern, Ausrutschen
Wollte ich sie schützen

Nie dächte ich
Daß absichtlich
Ein Mensch Unbekannten würd schubsen

Deines Bruders Hüter
Deiner Schwester Beschützer
Seid!, möcht ich ihnen nun zurufen.

Deines Nachbarn Wohlsein
Betrachte wie Deins
Und decke ihm seinen Rücken

Wir schließen die Lücke
Vor jeder Heimtücke
Wenn Menschen menschlich zusammenrücken

Neben dem Selbstschutz
Wandert der Nachbarschutz
Keiner kann sich selbst ganz schützen

Wenn Dunkel erwacht
Gewinnt Licht an Macht
Denn wir halten alle zusammen

Möge Gott der Mutter
Der getöteten Tochter
Beistehen – und wir auch. Amen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

STRASSENLATERNEN

Straßenmusiker und Straßendichter
Stadtgeschichten und Straßenlichter
Salz und Pfeffer und Stadtgesichter
Abwesend wenn anwesend
Anwesend wenn abwesend

Der Stadtkörper und der Stadtverstand auch
Laufen täglich herum mit vollem Bauch
Doch die Stadtseele hungert bis ein Hauch
Von Kunst und Mut und Kindlichkeit
Am Straßenrand sie sachte streift.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung