MEINE SPRACHE

Wie lange stehe ich schon hier
zwischen Dunkelheit und Licht,
und warte auf irgendjemanden,
der meine Sprache spricht?

Nicht Deutsch, Englisch oder Igbo -
für die gibt‘s schon viele Sprechenden.
Nicht Mundart oder Körpersprache,
noch die Zeichen der Gebärdenden.

Keine KI kann meine Sprache übersetzen,
das schafft nur menschliche Empfindung.
Denn was die innere Stimme sagt,
ist für die gleichartige geistige Gesinnung.

Die Stadtmitte ist voller Spaziergänger
auf der Suche nach wahrer Gleichart,
nach jemandem, der ihre Sprache spricht,
unter der Haut sind sie wund und zart.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WIR LEBEN ALLE MEHRMALS

Wir leben alle mehrmals.
Keiner stirbt zum ersten Mal,
wann er stirbt. Und falls
Du eines Babyschreis Hall
in Deinen Armen hörst,
ist das nur eine alte Seele
zurückgekehrt. Du gehörst
ihr nicht, noch sie Dir, quäle
Dich nicht, schenk einfach mehr
als Liebe, schenke ihr Empfinden,
wissend: sie, wie Du, ist hier
um ihre Story zu beenden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HERZSPAZIERGANG

Ich würde gerne unbemerkt
durch Dein Wald spazieren gehen
aber laut sind meine Schritte
leider, noch bin ich zu übersehen
Kaum tauch ich in Deinem Herz auf
so läufst Du mir wild hinter her
rufend, Hände nach mir streckend
Ich fliehe, jetzt ist’s wieder leer.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

BEDINGTE FREIZÜGIGKEIT

Die einen Weltwanderer,
nach dem sie die Welt durchwandert haben,
meinen, die anderen Wanderer
auf dieser Welt dürfen dasselbe nicht haben:
Bewegungsfreiheit und universeller Zugang,
vor allem nicht bei ihnen und definitiv nicht zu ihnen.
Das Herrenmenschbewusstsein in vollem Gang,
weitergegeben mit der Muttermilch über Generationen.

Oder ist es wirklich einfach nur der Materialismus?
Die mehr haben halten die fern, die weniger haben? -
nach dem sie sie erst geplündert haben.
Und die weniger haben hätten gern, was die anderen haben?
- auch was die noch nicht zurück gaben?
Unterordnet sich Kultur am Ende doch nur dem Materialismus?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GLEICH UND GLEICH

Wie viele Geschichten verbinden uns?
Wie oft wiederholt sich dieselbe Geschichte?
Dieselbe Geschichte über unzählige Gesichter -
Daß es jedes Mal anders aussieht, ist des Lebens Kunst.

Wenn Fremde sich treffen und miteinander reden,
treffen sich Freunde und reden miteinander-
So viel Gleiches verbindet jeden mit einem jeden.
Unsere Geheimnisse, enthüllt, führen uns zueinander.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DUNKELBLAU

Die dunkelblaue Nacht
fällt wie ein Stern vom Himmel
schwanger mit wertvoller Fracht.
Weicher wird das Getrommel
meines Schwarzen Herzblutes.
Ich träume und sinne heute Nacht
über etwas Altes, etwas Gutes -
Was hat die Nacht aus mir gemacht?
Geworden bin ich eine Wiederholung
dessen, was einst ich war -
Meine frühere, jüngere Empfindung
nehme ich heute wieder wahr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VIELE BLUMEN

Die einen Blumen
waren nur Gedanken
Sie blühten über meinem Kopf
Ich war der Blumentopf

Die anderen Blumen
waren Worte
Sie hüllten mich um
Schön und dennoch krumm

Einige Blumen dagegen
waren Gefühle
Wie sie in meinem Blute sprießen
wilde Dufte hinterließen

Und die aller ersten Blumen
waren Empfindungen
Es gibt einen himmlischen Garten
in denen sie auf mich warten

Aber die wichtigsten Blumen
sind meine Taten
Wenn ich sie Dir schenke
weißt Du, was ich wirklich denke.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VERSTECKT SEIN

Sie zeigen alle Haut
zeigen keine Seele
Die Oberfläche
hat uns die Tiefe geklaut.
Schön ist die Blume,
heilend ist das Kraut
Sein Versteckt-sein zählt
zu seinem höchsten Reichtume.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NÄHE VON DISTANZ

Nähe enthüllt Distanz.
Wenn Ihr Euch näher kommen wollt
dann bleibet auf Distanz
Sonst seht Ihr, was Ihr nicht sehen sollt:
Die Nähe von Distanz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LAUFE LEISE DURCH DIE LINDEN

Laufe leise durch die Linden
Wende Dich mit den Winden
Verbinde Dich ohne Dich zu binden
mit den Bäumen
und Du wirst Dich finden.
In der Natur Zauberräumen
gibt es keine Blinden.

Es gibt nur die, deren Herzen offen sind,
und die, die verloren haben ihr inneres Kind.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung