Der Schal, dicker, enger angebunden; Mein Hals, der im Sommer die Lüfte liebt, versteckt sich in diesen Winterstunden vor beißenden Zähnen, scharfen Zungen fremder Durchreisenden einst geliebt. Unbeliebte Zitterpartie. Mit eisigen Händen umfassen sie mich in nebligem Würgegriff. Ich höre, sehe unscharf das Jahr enden. Ich rieche, ich schmecke weiche Lenden. Schnee brächte jetzt den letzten Feinschliff. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
deutsch
AN MEINE SCHWARZEN KINDER – (2)
Generationen - Gegossen in die Abzweigung sich widersprechender Nationen. Gefangen im Scheinwerferlicht der Ent-Scheidung. Gemischte Rassen - im Blut und/oder im Kopf vermischt. Beidseitig lieben, was beide Seiten hassen. In Euch ist mein Licht, das niemals erlischt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UNWIRKLICH DU
Jeder, der Dich vermisst, vermisst einen anderen Menschen - So viele Menschen bist Du. Und wenn sie über Dich reden, reden sie nur zur Hälfte von Dir, zur anderen Hälfte jeder über sich. Tief in Dir, wo Du allein bist, ganz am Anfang, als Du allein warst, wer war - wer bist - Du? Und wenn Du kommst, wirklich kommst, wirklich Du, möchte jemand Dich? Und wenn Du gehst, wirklich gehst, wirklich Du, vermisst jemand Dich? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UNIFORMEN
Die Uniformen Verdecken die Unterschiede lang genug Bringen ihre Träger einander nah genug Um die Unterschiede klar genug zu sehen Jetzt sind sie fassbar genug zu verstehen Hinter den Normen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WEIHE NACHT, NACHGEDACHT
Wenn die letzte Stimme verhallt ist, Wenn die letzte Glocke schweigt, Wenn das letzte Lächeln gemalt ist, Wenn der letzte Mitreisende aussteigt… Wenn die Heiterkeit gestanden schmeckt, Wenn die Freundlichkeit hohl wird, Wenn das, was sich dahinter versteckt, Seine wahre Absicht endlich erklärt… Ich hab‘s viel zu häufig erlebt - Menschen, die vertraulich näher kommen, Und haben dabei nur darnach gestrebt, sich selbst zu finden, mich ausgenommen. Ist das schlecht? Wahrscheinlich nicht. Weniger zu finden ist besser als gar nichts. Doch mich schmerzt es, mit schweigendem Gesicht Sie gehen zu lassen ohne mein wahres Gedicht. Der Widerspruch liegt in der Tatsache, Dass dies überhaupt gesagt werden muss: Das Höchstwertige hält schweigsam Wache, Ungesehen, ungehört, kein Wink, kein Gruß. Jedes Jahr kommt Weihnachten erneut, Steht beiseite, allein, beobachtet bei gross und klein Wie der Mensch sich beschenkt, feiert und freut, Dann geht es wieder ohne verstanden worden zu sein. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
HIER, JETZT, IN DER GEGENWART
Der größter Streich der Zukunft Besteht darin, uns glauben zu lassen, Sie befindet sich in der Zukunft, Obwohl sie hier ist, jetzt, in der Gegenwart. Die größte Tarnung der Vergangenheit Ist eben das Antäuschen des Vergangen-seins. Sie ist aber hier, jetzt, in der Gegenwart; Sie ist nicht in der Vergangenheit zurück geblieben. Denn Zeit existiert nur einmalig Und zwar hier, jetzt, in der Gegenwart. Was ich heute habe, in diesem Moment, Ist alles, was ich habe. Und hier, jetzt, in der Gegenwart Ist dieser Gedanke, Hülle einer Empfindung, Ist dieses Gedicht, Ausdruck einer Erkenntnis, Ist dieser Mensch, Träger eines ewigen Dranges. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
HAUSGEMACHTES WEIHNACHTEN
Alt wie Wein Wird das Jahr nun Süßer auch? Reif mit dem zwölften Monat Und elf Erinnerungen Wir teilen lachend die Freude Schweigend den Schmerz Des Jahres. Teilen ist heilen Herzen sind Kerzen Dezember, Lichtspender Weihnacht, hausgemacht. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
KAPAZITÄT ZUR EINSAMKEIT
Er sitzt, überwiegend allein, in seinem Internetcafé. Er grüßt, lächelt, kommt rein!, nippt an seinem Kaffee. Er grüßt, lächelnd, Auf Wiedersehen!, und ist wieder allein. Die Stunden, die täglich vorbeigehen, markieren in Einsamkeit sein Sein. Selbst ist der Gesprächspartner Sich selbst der einzige Berater Sein Internetcafé sein Lebenstheater. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE FÜNFTE KERZE
Die erste Kerze war die Ankündigung - Öffne und bereite langsam Deine Empfindung. Die zweite Kerze war die Erinnerung - Es war einmal, uralt, wie die Morgendämmerung. Die dritte Kerze war die Vorbereitung - Licht oder Dunkel, es ist Deine Entscheidung. Die vierte Kerze war die Krönung - Das Kreuz, die Kreisschliessung, die innigste Ahnung. Die fünfte Kerze ist Dein innerer Advent - Die geistige Flamme, die in Deiner Seele brennt. Fünf Kerzen zu Weihnachten Wahre Liebe bei den Andachten. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WO SIND UNSERE FLAMMEN?
Die Kälte, wie eine blasse Wand, schiebt sich durch die Gassen, bringt uns zusammen und trennt uns gleichzeitig, entsprechend unserer Klassen. Du wusstest nicht, dass Du zu einer Klasse gehörst, bis angewidert jemand Dich hochnäsig meidet. Du wusstest nicht dass Du einer Klasse angehörst bis Du jemand siehst, der schlimmer leidet. Dann klingelt es leise im weihnachtlichen Nebel. Angeblich ist es die Zeit, Licht zu teilen. Meine Flamme Dir, Deine Flamme mir - zusammen können wir uns gegenseitig heilen. Angeblich. Doch die Kälte, Mantel der Angst, legt sich auf jeden von uns nieder, uns von einander trennend. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
