WECHSELJAHRESZEIT

Wie Du schneist, schmilzt
Erfrierst dann taust
Meine Neugierde erhitzt
… desinteressiert schaust.

Dein Winter ist warm
Deine Wärme ist kalt
Deine Kälte ist lauwarm
Sehnsucht ist ihr Inhalt.

Fremde kommen und gehen
Das ist ihre Eigenart
Auf Wiedersehen…
Heute hart, morgen zart…

Der Herbst geht in den Winter
Zögerlich ein
Liebe steckt dahinter
Gnadenlos, rein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FRANKFURTS ERSTER SCHNEE

Ich sah Frankfurt
intimer als je zuvor
Ich liebte sie sofort
obwohl ich dabei fror
in ihrem engen Brautkleid
in ihrer Freude, in ihrem Leid
lautlos leistend unseren Eid.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NOVEMBERSCHNITT

Er macht es jedes Mal.
Er schafft es, auf einmal
Mich zu töten und ich bin tot
Ohne Übergang. Wirklich tot.
Die alte Person, die einst mein Ich war
Wird zur Erinnerung, und zwar und zwar
Zur kalten fernen Figur
Mit mir fremder ungewöhnlichen Natur -
War ich je das? Ist das wirklich wahr?
November tötet mich, nicht jedes Jahr
Aber immer wieder kommt der Schnitt
Hart, endgültig beginnt ein neuer Abschnitt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KUNSTBLOCKADE

Sie haben gerade eine Blockade beim Malen? Beim Schreiben? Beim Komponieren? Beim künstlerischen Schöpfen und Schaffen?

Sie könnten probieren, Ihre BLOCKADE selbst zu malen, zu dichten, zu tonalisieren, zu formen. Anstatt die Blockade weg haben zu wollen, machen Sie sie stattdessen zum Thema Ihrer Kreativität.

Fragen Sie sich: Wenn Ihre Blockade eine Form oder Formen hat oder haben könnte, wie könnte oder könnten sie aussehen? Und diese könnten Sie dann malen oder versuchen als Malerei, als Gedicht, als Geschichte, als Musik, als Skulptur usw, wieder zu geben. Also in die Blockade hineingehen, sie künstlerisch angreifen und auseinander nehmen.

So lernt man auch diese vertraute Fremde namens Blockade besser kennen. Es gibt kaum ein Phänomen, das kunstschaffenden Persönlichkeiten vertrauter ist oder häufiger vorkommt, als die Kreativitätsblockade. Und dennoch ist sie uns so fremd und unerklärlich. Wir wollen sie aus dem Weg haben, damit wir wieder schöpfen und schaffen können. Es lohnt sich aber, das habe ich durch Erfahrung gelernt, die Blockade als Kunstprojekt zu begreifen und ihr als solches zu begegnen. Neue Werke, anders als alles, was Sie bisher geschafft haben, werden dadurch zur Stande kommen.

Somit wird gleichzeitig Ihre Kunst nicht zu etwas, was Sie machen, sondern zu der Art und Weise, WIE Sie Sachen machen. Sie hört auf, ein Ziel DA DRAUSSEN zu sein, das Sie versuchen zu erreichen; stattdessen ist sie jetzt ein Teil von Ihnen, mit dem Sie dem Ziel entgegen gehen. Und dieses Ziel ist Glückseligkeit. Ist im Endeffekt der Inbegriff der Bedeutung des Begriffes „Paradies“. Also das frohe und erfüllende Ausleben Ihres wahren Selbsts in tatkräftiger Lebendigkeit. Dies verbindet uns mit dem Sinn des Lebens und belebt deshalb wie ein Elixir.

Benützen Sie Ihre Blockade als Mittel, um aus eben Ihrer Blockade heraus zu wachsen. Machen Sie Ihre Blockade zum Weg, zur Kunst und zum Kunstsubjekt zugleich. Denn Kunst kann und will überall manifestieren.

Che Chidi Chukwumerije

ÄHNLICH

Du kannst von Weitem kommen
Und Nähe ausstrahlen
Als hättest Du Platz genommen
In mir.

Wer wird meine düsteren Innenseiten
Mit frohen Farben bemalen
Wenn nicht Du, der gekommen ist vom Weiten
Zu mir?

Distanz, ach!, ist so trügerisch.
Trennung, ach!, ist so illusorisch.
Unsere Augen trafen sich…
Krass, dachten wir, wir sind so ähnlich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE MASKEN WERDEN ECHTER

Die Masken werden echter,
dichter, versteckter, sitzen aufrechter
als die echten Gesichter.
Sie reden klug, sind keine Schwätzer,
sie merken, ich werde geschwächter,
sie lächeln nett doch ich höre Gelächter -
Die Masken sind keine Fratzen mehr, schlechter
noch: sie sind das schöne Gesicht unserer Geschlechter.
Versteck Dein wahres Gesicht nicht mehr -
alle halten Dich eh trotzdem für ein Maskierter.
Deine Ehrlichkeit wird Dir Dein bester Wächter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRENZE

Ohne Grenze keine Gestalt.
Ohne Gestalt kein Inhalt.
Ohne Inhalt kein Halt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEHE ICH DICH

Was ist schöner,
als in einem Menschen tief zu tauchen?
Was ist einsamer,
als einen Menschen zu brauchen?
Was ist übergriffiger,
als einen Menschen zu verstehen?
Was ist wichtiger,
als einen Menschen wirklich zu sehen?

Sehe ich Dich,
sehe ich mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINSAM IST DAS DICHTEN

Einsam ist die Dichterin, der Dichter,
Ein Mensch unter tausend Gedanken.
Und Du, seine Richterin oder Richter,
denk doch zuerst an dieses Innengeflüster,
bevor Du anfängst, mit ihr oder ihm zu zanken.

Wir sind mehr als Rasse oder Farbe,
mehr als Geschlecht oder Gender,
mehr als Kultur oder Klasse
oder Behinderung, Orientierung, Bildung,
mehr als politisches Agenda.

Wir sind die Nacht, wir bergen Geheimnisse,
von denen sogar wir noch nichts wissen,
bis sie raus schlüpfen, namens Gedichte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEN ANDEREN IHRE FREUDE GÖNNEN


Für manche Menschen scheint das Leben ein Wettbewerb zu sein. Besser – oder schlimmer – noch, nicht wirklich das Leben an sich, sondern viel mehr scheint GLÜCK für sie ein Wettbewerb zu sein. Glücklich sein! Also das erfolgreiche Streben nach Glück und Freude. Denn merken sie, daß Du glücklich aussiehst oder wirkst, wollen sie sofort Dir und der Welt beweisen, daß sie glücklicher sind als Du. Dein Glück, Deine Freude, macht sie unglücklich. Glücklich-sein scheint tatsächlich unser tiefstes Bestreben zu sein. Denn alle empfinden intuitiv und wissen es nur zu gut: Der grösste Erfolg im Leben, zumindest das echteste neutrale Erfolgszeichen im Projekt „Leben“, ist die Glückseligkeit!

Der unheilbringende Wunsch, besser zu sein als der nächste, mündet sich also in seiner Essenz per Definition, auch wenn unbewusst, in den Drang, glücklicher zu sein als der oder die nächste. Und dieser Hang trägt in seiner Logik natürlich selbst die Sperre gegen sein eigenes Werden und Ausleben. Also, wenn glücklicher als ein anderer das einzige ist, was Dich als Mensch glücklich macht oder machen könnte, wirst Du verständlicherweise immer im Kern unglücklicher als diese andere Person oder Personen sein.

Darin zeigt sich der ausgezeichnete Humor der Freude, in dem daß sie sich diesen besonderen Schachzug ausgedacht hat, um das Massenglück der Menschen zu sichern, wenn wir selbst es denn wollen: Die Freude pflegt in uns einen inneren Mechanismus, der uns dazu bedingt, uns über den anderen, uns für die andere, uns mit den anderen, zu freuen bzw uns freuen zu können, um dadurch die Basis unserer eigenen Freude zu sichern. Wen die Freude eines Nächsten unglücklich macht, der hat darin das eigene Urteil selbst ausgelöst. Wirklich und dauerhaft glücklich kann so ein Mensch ja nie sein. Seine Missgunst steht seiner Glückseligkeit im Weg.

In einer Welt wo Gruppen anderen Gruppen, Staaten anderen Staaten, sogar Menschen anderen Menschen die Daseinsberechtigung aberkennen; in einer Zeit, in der wir über die sozialen Medien und kraft digitaler Verbundenheit unmittelbaren Einblick in das (pseudo)Privatleben anderer Personen erhaschen können; in unserer neuen Realität, wo sowohl echte als auch gestellte Bilder und Berichte uns täglich bedrücken und beeindrucken, ist es sicherlich ratsam, sich dieser Weisheit zu besinnen: Glücklich-sein ist kein Wettbewerb, sondern ein Gruppensport. Es lohnt sich und es erleichtert uns, wenn wir von Herzen Anderen ihre Freude gönnen.

Che Chidi Chukwumerije