WIEDER DA

In letzter Zeit
höre ich die Stimmen wieder
nah und weit
die Stimmen und die Lieder
der Mitmenschen und der Menschheit
denn ich bin wieder da
nach Jahrzehnten der Abwesenheit
in denen ich nur Dunkelheit sah.

Und jetzt höre ich die Stimmen wieder
und meine auch -
und spüre meine Beine gehen wieder
und Lachen in meinem Bauch.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FAST ZU VIEL

Es ist fast zu viel
Es erfüllt meine Brust
Mein Herz ist zum bersten voll
Lust. Frust. Verlust. -
Lust aufs Leben
Frust, Herzbeben
Verlust vergeben
Unbewusst
Und dennoch selbstbewusst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZU SCHMERZVOLL

Stimmen im Hintergrund
Erinnerungen im Vordergrund -
Freunde spielen und lachen
und merken dein Schweigen nicht -
Du erinnerst Dich an Sachen
zu schmerzvoll für jedes Gedicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung 

VERTRAUTES SCHWEIGEN

Manchmal ist es so laut
Aber hier unter meiner Haut
Ist das Schweigen mir vertraut

Teile Deine Augen mit mir
Ich teile mein Schweigen mit Dir
Meine Empfindung und mein Gespür.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WAHRHEIT ODER PFLICHT

Manche folgen nur materiellem Erfolg;
Wenn solche in Deinem Leben erscheinen,
werde wachsam. Silber und Gold
ziehen das Niedrige an. Zu den Deinen
darfst Du solche niemals zählen.
Lasse lieber die herein, die Wahrheit sagen,
egal ob sie Dir schmeckt oder nicht;
Die Dich lesen ohne darnach zu fragen,
die Dir stehen bei Wahrheit und Pflicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE BLÄTTER LESEN

Die Blätter
lesen das Wetter
besser als die Menschen
einander innerlich lauschen
und fein empfinden
wie Charakterzüge verschwinden
und Seelen sich verändern
im Schritttempo dahin schlendern
hinein in eine Persönlichkeit
mit wenig oder gar keine Ähnlichkeit
zu der Natur der Vergangenheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GEISTFLAMMEN

Das eine Land friert
Das andere Land brennt
Die Erde rotiert
Einer wacht, einer pennt

Nie werden wir alle
Dasselbe gleichzeitig sehen
Oder in jedem Falle
den selben Punkt verstehen

Aber alle zusammen
erfassen wir das Menschliche
Doch nur als Geistflammen
empfangen wir das Wesentliche.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER SCHNEE KAM ZU BESUCH

Der Schnee kam zu Besuch
Ummantelt von einem weichen Tuch
weißhaarig beim Tagesanbruch
ohne Geräusch und ohne Geruch
liegt die Erde da wie ein Buch
daß ich lesend durchfahre im Zug
und kriege von ihm nicht genug.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

INNERLICH ZART

Ich bleibe innerlich zart
werde äußerlich hart
Ich bleibe innerlich zart
Eisernes Tor zum Innengart
Ich bleibe innerlich zart
Fürsorge im Gegenwart
Ich bleibe innerlich zart.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SEINWEG

Wie viele suchen den Weg?
Wie wenige gehen den Weg?
Wer kennt überhaupt den Weg?

Ohne Ziel kein Weg
Kein Landungssteg
Kein Werden als Beleg
Kein Daseinszweck.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung