Ich wiederhole Worte in der Hoffnung, sie werden Euch etwas erklären unabhängig vom Gedicht, in dem sie eingebettet sind - Die Gedichte sind nur Fähren. Immer wieder landet zum Beispiel die Empfindung, einer von vielen blinden Passagieren, am Ufer Eurer Innenräume. Was danach passiert, werde ich nur in meiner Empfindung erfahren. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
deutsch
GESELLIGKEIT SCHÜTZT NICHT VOR EINSAMKEIT
Die erdrückende Oberflächlichkeit eines Lebens ohne Anbindung - Sprache führt in die Tiefe. Sprachlosigkeit verspricht ihre eigene Verbindung. Warum reden, wenn Schweigen der Schlüssel ist zum Aufsteigen? Die Leichtigkeit der Bedeutungslosigkeit ist der schwerste Druck zu ertragen. Geselligkeit schützt nicht vor Einsamkeit - Die Nähe der Ferne bringt Unbehagen. Menschen, die alles zeigen, wollen etwas verschweigen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DAS GEMÜT
Das Gemüt, zum Ausdruck gebracht,
macht auf die Gemüter einen tiefen Eindruck.
Das Menschliche, wenn es weint oder lacht,
gibt uns unser Menschentum zurück.
Das Gewissen, einmal aufgewacht,
findet in unserem Innenkampf sein Glück.
Wird ein Lächeln nicht in der Seele gemacht,
ist es keine Schönheit, es ist nur Schmuck.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WENN DU EIN SUCHENDER BIST
Du hüpfst über das Mittelmeer
Und verschwindest.
Eines Tages hüpfst Du zurück nach Afrika
Und verschwindest wieder.
Dann hüpfst Du erneut nach Europa
Und verschwindest zum letzten Mal.
Jede Ankunft war ein Abschied.
Jedes Verbinden war ein Verschwinden.
Heimat und Fremdes sind gleichsam fremd
Wenn Du ein Suchender bist.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MÜHSAME BEGEGNUNGEN
Schwarz ist ein Magnet, zieht weiße Herrschsucht an, egal wie groß das Schwarz steht, egal wie klein das Weiß kann - Die Art scheint die Art zu wecken. Geschichte war für solche nur Blut lecken. Das Bewusstsein läßt sich nicht verstecken, nur bekämpfen und besiegen irgendwann in jeder Begegnung mit Frau und Mann. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DAS MODERNE
Wie kann so viel Schönheit so wenig Schönheit beinhalten? Die schönsten Städte, Häuser, Straßen, Plätze, Kunst- und Architekturwerke, toll verkleidete Menschen, nett gestylte Lächeln. Wie kann so viel Schönheit So viel Wärme ausschalten? So viel Armut enthalten? So viel Einsamkeit kalt verwalten? So viele Gesellschaftsschichten spalten? Wie kann so viel Schönheit so wenig Schönheit beinhalten? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DURCH MEIN DA-SEIN ALLEIN
Ich lese so viele nachdenkliche Gedanken in den grübelnden Augen und Blicken die an mir vorbei gehen im Büro oder zB am Main. Sie kommen aus einer tiefen Vergangenheit, laufen an mir in der Gegenwart vorbei, gehen in eine für sie ungewisse Zukunft hinein. Was habe ich getan, um so viel Nachdenken bei Menschen auszulösen, die mich nicht kennen, einfach nur durch mein Da-sein allein? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WAS KOMMT DANACH?
Was kommt danach? Wie sieht es aus? Ich habe es vergessen. Sicher gibt es Seen und Matten und Berge und Bäume und Menschen - Aber gibt es Palmen und Zypressen? Wenn ich mich recht erinnere gab es bei Durst Schönheit zum Trinken, und bei Hunger Wahrheit zum Essen. Ich seh einen Hain und eine Bank, vage, unscharf, aber mich dünkt‘s, ich habe dort schon mal gesessen. Ich sehe auch das Gesicht eines Menschen, er sitzt neben mir. Aber wessen Gesicht ist das? Wessen? Ein guter Freund, ich spüre es. Von vor langer langer Zeit. So lange her, ich kann es mit Verstand nicht messen. Nur seelisch spüren. Ein Ort der Güte, wo die Geister sich gegenseitig nur Gutes aufs Gemüt pressen. Was kommt mir nach der Erde, nach Nigeria und Deutschland, nach Biafra und Lagos und Hessen? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE MACHT DER WORTE
Unser ganzes Leben ist ein Versuch, unseren Körper, diese schwere Fleischlast, unseren Gedanken und Empfindungen hinterher zu schmeißen. Doch alle Flugzeuge der Welt, alle Autos, alle Züge, Fahrräder und selbst die flinkesten Beine schaffen es nicht, Schritt zu halten mit dem Zug unseres Innenlebens. Nur diese Dinge - Mund, Zunge und die Hände - haben die Macht, annähernd den Gedanken und Empfindungen zu entsprechen… und zwar dann, wenn sie Worte formen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
KINDERFILME
Alles ist Deine Erinnerung. Auch die Kinderfilme Deiner kleinen Kinder, die Du damals mit ihnen geschaut hast, als das Elternteil in Dir selbst auch noch ein Kind war. Auch diese Filme werden Dich eines Tages weich und nostalgisch stimmen, wenn Deine Kinder keine Kinder mehr sind und Erinnerungen alles sind, was Ihr noch an das habt, was jetzt für immer vergangen ist.
Aus dem Zimmer schlich leise eine Filmmusik zu mir, die mich mit einem Schlag in die Vergangenheit versetzte. Überrascht ging ich hinein und sah meine 13-jährige und meinen 9-jährigen genüsslich mit ihrer Mutter „Tinkerbell“ sich anschauend. Tinkerbell?!?!, fragte ich sie verblüfft. Wieso? Sie schüttelten lächelnd mit den Schultern. Einfach so. Wir haben uns daran erinnert und hatten Lust, ihn mal wieder zu gucken.
Und ich habe mich ebenso erinnert. Ich sah eine 7-jährige und einen 3-jährigen auf einem enormen Sofa, liegend zwischen meiner Frau und mir, während wir alle den damaligen Lieblingsfilm der Kinder uns anschauten. Es war eine lange Zeitlang unser fast tägliches Familienritual.
Wo ist diese Zeit hin? So viel kann in sieben Jahren passieren. Sehr vieles hat sich verändert. Ich sehe nicht mal dasselbe aus wie damals und habe gefühlt aus einem langen Traum geschlüpft. In ein paar Wochen werden die Kinder 14 und 10 und sind mittlerweile sehr eigenständig geworden, anders. Ihre Mutter auch, wir haben uns alle stark weiterentwickelt im (Innen)leben. Ein Kapitel ist endgültig vorüber.
Und ich erkannte, daß nicht allein die Anzahl an Jahren ein Heute von einem Gestern trennt kann. Auch innerhalb weniger Jahren kann eine neue Welt entstehen, wenn Natur oder Erfahrungen Menschen verändern.
Nur eines verändert sich nicht, der innerlich flüsternde Dichter, der mir sagt: Auch heute, so banal und normal er wirkt, auch dieser heutige Tag der Erinnerung wird morgen wieder Deine nostalgische
Erinnerung sein. Nimm ihn ernst. Erlebe ihn bewusst. Speichere ihn mit Liebe und Dankbarkeit in Deinem Geiste auf. Er könnte morgen Dein nächster Kinderfilm sein.
Che Chidi Chukwumerije
