SCHWEIGEND LABEN

Schweigen.
Es ist still in mir heute -
Wo seid Ihr alle, Leute?
Der Fragesteller und der Antwortgeber,
Der faule Genießer und der Streber,
Der Bescheidener und der Angeber,
Der Einzelgänger und der Kleber,
Der Nichtstuer und der fleißige Weber,
alle sind wie verschwunden heute Abend -
hier genese ich, mich am Schweigen labend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WEITER!

Wir sind Geist
Wir gehen immer weiter
Wir schütteln Altes ab
Wir gehen immer weiter
Ob jung oder ergreist
Egal, wir gehen weiter
Ob vor oder nach dem Grab
Einfach weiter, ständig weiter!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HERBST UND VERÄNDERUNG

Irgendwann gibst Du auf
und lässt den Herbst herein;
Altern gehört zum Lebenslauf,
Reifen zum erfüllten Sein.

Die Blätter lassen die Farben los,
eine nach der anderen;
Die Bäume lassen die Blätter los,
die faden und die bunteren.

Die Menschen lassen die Menschen los,
um ihre Wege weiter zu gehen;
Die Menschen lassen die Menschen los
bis auf Wiedersehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

KRÄHE

Mitten im Stimmendschungel der Stadt
kräht eine Krähe im Vorbeifliegen -
Habe nur ich sie gehört? Anstatt
aufzuhorchen, redeten sie weiter. Glatt.
Ein Teil von mir ist auch im Lärm geblieben
Aber ein Teil von mir ist leise ausgestiegen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LANGSAM NÄHER

Flügelschlag lautlos winkend
die Ferne langsam näher bringend
Der rosarote Abend absinkend
mein Herz zum Seufzen sanft zwingend
Der Natur Malerei austrinkend
Tränen meiner Seele auswringend
mich mit Dir und mit Schmerz verlinkend
Auf Abschluss wartend - dringend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ES HERBSTET

Es herbstet
als erstes
immer im Herzen

Die Empfindung färbt
die Gefühlswälder
durch Gedanken ernst
und reif und herb

Das Herz blättert
durch und weiter, fährt
hinein ins Gedächtnis.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EIN LAND

Ein Land, zwei Seiten
Eine Seite, zwei Länder
Deutschland Deine weiten
Tiefen sprechen Bänder.
Das, was Du hasst,
ist ein Teil von Dir,
weil Du es hast
tief in Dir und tief in mir.

Das, was Du hast,
ohne es zu beachten,
ist‘s, was zu Dir passt -
Nur tiefer beobachten.
Die Gleichart ist tiefer als gedacht
und verdient nicht so viel Verdacht
und verdient nicht so viel Verdacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE LANGE REISE ZUM ANFANG

Es ist eine lange Reise
Die innere Stimme ist leise
Aber ihr Widerhall ist laut

Er kommt mit den Jahren
in Lehren, die wir erfahren
und geht uns unter die Haut

Die Haut wird alt, ergraut
Die leise Stimme wird laut
Vom Leben bestätigt mit der Zeit

Und am Ende der Reise
ruhig geworden und weise
bist Du endlich für den Anfang bereit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GROSSER GEIST

Es war mal ein Geist
So groß wie ein Berg
Er bewohnte einen Körper
So klein wie ein Zwerg

Er hatte Gedanken
So hoch wie ein Baum
Aber seine Stimme
Füllte kaum einen Raum

Er half vielen Menschen
Aber sie wussten es nicht
Denn er machte es heimlich
Zeigte nie sein Gesicht

Er möchte nicht, daß Du
Entdeckest, wer er ist…
Er will nur, daß auch Du
Ein bescheidner Diener bist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER WERT EINES MENSCHEN

Was macht einen Mensch wertvoll?
Geld? Macht? Waffen? Schönheit?
Aber alles Haben verlangt sein Soll.
Wahrhaftigkeit. Liebe. Bescheidenheit.

Manche finden den Zugang zum Geldfluss
Und sind dann „reich“. Andere nicht.
Manchen haben Macht und deren Genuss
Und werden hart und weich. Viele nicht.
Manche sind körperlich schön - zum Verdruss.
Denen ist alles gleich. Den meisten nicht.

Doch gut sein und wahr sein und bescheiden sein
Ist kostenlos. Das können alle sein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung