NIMM DREI

Hier ein Kuss
Da ein Biss
Ein Blick als Gruß
Ein Zug, ein Riss
Nun ein Seufzer, nun ein Schrei
Nimm nicht nur zwei, nimm auch drei
Frei. Frei.
Bist Du mit Herz und Seele dabei?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINHEITLICHE FORMEN

Nichts begünstigt das Formen
von falschen Rückschlüssen
so gut wie äußere Formen.

Denkt zum Beispiel ans Küssen
Nein, das ist zu kompliziert –
Denkt an sich gegenseitig Begrüßen.

Tausend Absichten kodifiziert.
Einheitlich unterschiedlich, weil wir müssen:
Tausend Botschaften kommuniziert.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WISSEN: FRUCHT DER ZEIT

Du kannst nicht bereits heute wissen,
was Du morgen erst wissen wirst.
Morgen wissen wirst, gerade deshalb
weil Du es heute noch nicht weißt.
Denn dieses Unwissen läßt
Dich Entscheidungen treffen,
deren Folge Erlebnisse sind,
die Dir das Wissen bescheren werden.
Morgen.

Ja, ich würde es heute anders machen
Weinen ist genauso lehrreich wie lachen
Ja, ich würde heute vieles anders machen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HÄNDE MIT CHARAKTER

Hände ringen nach Fassung
Hände bringen Erfassung
Hände springen Auffassung
Erzwingen Verfassung

Gesichter können täuschen
Hände nicht
Mitten in den mehrdeutigen Geräuschen
die der Mund spricht
zeigen Deine Hände ohne zu enttäuschen
Deine inneres Gedicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FILTER

Ich erlebe oft, daß
wenn ich zaubere, die Deutschen
davon ausgehen, ich
hätte einen Fehler gemacht, weil
ihr innerer Filter ihnen
versichert, einer wie ich könne
niemals so zaubern.

Dabei ist es für mich keine Zauberei, das
zu sein, was auch immer es sei, was
ich bin, und ich fühle mich Zuhause dabei.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHLAFLEID

Ob heute Nacht
unter einer Brücke
ein Obdachloser Sehnsucht
nach einem altgeliebten Lied verspürt
und es nur in seinem Gedächtnis
wieder hören kann, denn er hat weder
Handy noch Musikspieler noch Internet,
und er wird nostalgisch, dann traurig,
dann unruhig, nimmt seine sieben Sachen
und sucht sich einen Bahnhof
unter der Erde und dort
auf einer Bank unter dem grellen Licht
hüllt sich in einem dunklen Schlafsack – und schläft – ein…

Ob er, bevor er einschläft,
in seinem Kokon wie eine Raupe,
sein altgeliebtes Lied zu sich singt
und an einen Schmetterling denkt?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE GLEICHE SPRACHE

Deine Fremdsprache
Klingt wie Musik in meinen Ohren
Ich verstehe sie nicht
Aber sie bringt mein Herzen zum Tanzen
Ich wusste nicht
Daß so viel Fremdes so vertraut wirke
Wenn Dein Lächeln und mein Lächeln
Deine Augen und meine Augen
Dein Geist und mein Geist
Die gleiche Sprache sprechen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESPRÄCHSREISE

Willst Du ein Gespräch mit mir
Oder willst Du über mich als Echokammer
Ein Selbstgespräch mit Dir führen?

Ich denke eher das zweite.
Jedes Wort von mir wäre eins zu viel
Jedes Wort von mir wäre eins zu wenig

Aber nein, ich durchbreche das Spiel
Lass uns zusammen neue Weiten suchen
Niemals wissend, was uns das nächste Wort bringt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÜBER DEN TELLERRAND DER GESCHMACKSACHE

Ich lebe in mehreren Welten
Und selten, sehr selten
Finde ich in der einen Welt jemanden
Der mich in den anderen für jemanden
Hält.

Ein Wanderer zwischen den Welten
Einheitlich bin ich selten
Jede Woche bin ich mehrere Personen
Ich kenne keinen, dem jede dieser Personen
Gefällt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FANG EINFACH AN

Aller Anfang ist schwer,
doch jedem Anfang wohnt
ein Zauber inne – daran eher
habe ich mich gewöhnt.

Denn im Anfang war nicht nur,
im Anfang IST das Wort,
das unerschöpfliche Nabelschnur,
dem alles Lenken gehört,

aus dem alles Werden wird.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung