VERGESSEN VERGESSEN

Ich wünschte, Gedächtnisschwund…
Ich wünschte, Vergessen
täte Weh wie eine blutende Wunde,
wenn ein Finger abgehackt wird -

Aber es ist stattdessen wie Haare.
Dem einen gleicht das Vergessen
dem langsamen unmerklichen Wachsen,
dem anderen dem heimtückischen Abschneiden.

Beides tut nicht weh.
Hier fühlst Du Dich ein bisschen schwerer.
Da ein bisschen leichter. Bis
plötzlich Du vor einem Spiegel stehst -

Und siehst Dich wieder.
Dann erinnerst Du Dich an Dich…
Erst dann tut es Weh. Das sich Erinnern.
Und das Vergessen vergessen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRUND ZUM GEHEN

Gibt es einen Grund
auf dem man gehen kann,
einen Boden der Bedürfnisse
für mich fremden Mann?

Ich fragte mich warum
Menschen auswandern
anstatt Zuhause weiter zu geben.

Ich fragte mich warum
Menschen Zuhause weiter streben
anstatt auszuwandern.

Dann wanderte ich aus
und verlor meinen Plan?
Dann harrte ich Zuhause
und wurde zum Fremden Mann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DESHALB GEDICHTE

Mir gehen die leeren Seiten aus,
auf die ich meine unzähligen Geschichten
schreiben muß, denn mein Licht geht aus.
Deshalb verdichte ich sie in Gedichten.

Mir werden die Erinnerungen mehr,
die Zeit weniger um sie nieder zu schreiben.
Irgendwann habe ich keine Zeit mehr
für Geschichten, von denen keine zurück bleiben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AB STOSS

Leben stoßen aufeinander
stoßen einander ab
hinterlassen einen Abdruck aufeinander
nehmen einander mit. Bis ins Grab.
Viele Menschen, die uns früh verlassen
bleiben mit uns bis ans Ende unserer Tage.
Viele in unserem Leben ewige Insassen
werden zunehmend unsichtbar und vage.
Wenn Du zu lange verbunden bleibst,
wo Du nicht mehr hingehörst,
trennst Du ebenselbe Verbindung, schreibst
Dich ab, Du ergänzt nicht mehr, Du störst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DES KINDES SINN

Wir lagen im Gras
und im Gras liegen war das
Maß aller Dinge, es war der
Sinn des Lebens. Wir, ich und er -
der Lebenssinn - waren wie
die allerbesten Freunde, nie
zu trennen voneinander in
Allem, was und wo ich je gewesen bin
als Kind - beim Lesen, beim Spielen, beim
Essen, Schlafen, Streiten daheim,
beim Träumen beim Zimmer aufräumen,
beim alles Andere versäumen
während ich spielte auf einem Instrument.
Alles, was ich tat, war in jenem Moment
der Sinn des Lebens für mich,
erfüllte mich, machte mich glücklich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUES WAGEN

Denk nicht zu viel,
Schreib es einfach nieder.
Warte nicht zu lang,
Gestern kommt nicht wieder.
Neues wagen sei Dir Ziel;
Jeden Tag ein neuer Fang.
Machst Du aus Streben ein Spiel,
Entziehst Du Dich jedem andern Zwang.
Schreib Du Deine eignen Lieder.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TASTSINNIG

Das Licht war aus
Die Nacht war angeschaltet
Die Hände zu Haus
in Wanderlust freigeschaltet

Sie tasteten sich auf und abwärts
und aus und wieder einwärts,
auf der Suche nach Deinem Herz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANDERE LÄNDER, GLEICHE SITTEN

Die Welt besteht aus Wiederholungen
meiner Wohnstadt
mit unterschiedlichen Schattierungen.
Kein Ort hat
Menschen, die nicht nach selbem Schema
lieben und leiden und lügen,
als wären unsere Geister von einem Thema
lediglich Auszügen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HINTER MENSCHEN

Die Erde dachte, sie kannte den Tag,
bis er sich verwandelte und wurde zur Nacht.
Die Erde dachte, sie kannte die Nacht,
bis sie sich änderte und wurde zum Tag.

Kennen ist in der Gegenwart leben;
Vertrauen ist in der Gegenwart geben;
Lieben ist in der Gegenwart beben;
Die Zukunft ist ein geschlossenes Buch.

Ein Mensch ist mehrere Masken
und jede Maske davon ist ein Mensch.
Ein anderer Mensch. Nicht nur die Toten
geistern herum unter einem Tuch.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERSCHÖNERUNG

Wenn die Schönheit das ist,
was Dich befriedigt,
dann kannst Du eine Dauerwelle
der Befriedigung und der Freude
Dein ganzes Leben lang reiten.

Denn egal wo Du bist,
ganz gleich wie hässlich, öde, verschmutzt
Und egal was Du dort bist,
egal wie unbedeutend und machtlos,
Du kannst dort immer die Schönheit verbreiten.

Schönheit verbreiten, über den Planeten;
Verschönern, Deine Umgebung,
Schöner machen, Dein Zuhause -
Verschönern, dort, wo Du am meisten lebst:
Dein Innenleben. An Dir immer arbeiten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung