NEUE HORIZONTE

Aus welchem Ozean bist Du gemacht?
Ich habe die Welt durchreist
Ich habe ihn nirgendwo gefunden
Und ich bin in sie alle eingetaucht
Alle durch durchschwommen
Alle geritten
Kenne sie alle von Innen
Habe sie alle kommen
Und gehen
Gesehen
Aber Du,
Du fühlst Dich anders an.
Aus welchem Ozean bist Du gemacht?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEHNSUCHT NACH EINER GRÖSSEREN WELT

Du bist mir zu klein, Welt -
Wie willst Du meinen Durst stillen?
Meinen Durst nach einem Held
Unverführbar gegen seinen Willen.
Meinen Hunger auf die Unsterblichkeit,
Unsterbliche Freundschaft, ur-ur-alt.
Mein Bedürfnis nach inniger Verbundenheit
Mit allen Gleichartigen ohne Vorbehalt.
Meine Sehnsucht nach einer Gesellschaft,
in der keine Menschen andere unterdrücken
Und der wahre Wert unserer Wirtschaft
dadrin liegt, uns gegenseitig zu beglücken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DICHTERHERZ

Ein Kind ging im Wald spazieren
und merkte irgendwann
die Schönheit der Steine überall;
sie zogen ihn in ihren Bann.

Er nahm einen Stein in die Hand,
drückte ihn gegen sein Gesicht;
der Stein schien plötzlich zu reden,
erzählte dem Kind ein Gedicht.

Und jeder Stein, den er nahm,
erzählte ihm sein eigenes Poem,
drang tief in das kindliche Herz ein,
hauchte ihm ein sein Zauberodem.

So sammelte es jahrelang Steine,
trug sie aus dem Wald hinaus -
und aus allen diesen Dichtungssteinen
baute es sich ein Haus.

Das Kind wurde erwachsen,
der Erwachsene lebte und starb
und nach einer langen langen Zeit
wieder auf der Erde geboren ward.

Und wuchs und spielte und suchte
und strebte und wusste nicht:
es wohnte tief in seinem Herzen
für jeden Tag ein Gedicht.

Bis eines Tages die Liebe,
an einem anderen Tag der Verlust,
dann Verrat, Sehnsucht, Sünde, Reue
sprengten das Herz in seiner Brust.

So fand er in seinem Schmerz,
daß tief in seinem Geiste
sein Herz war felsenfest und stark,
egal wie tief er hinein reiste.

So reiste er weiter durch den Wald
in seiner Seele und fand
eines Tages einen Garten dadrinnen,
in dessen Mitte ein Haus stand.

„Zuhause!“ wusste er wieder,
denn es war tief und es war schlicht
Und nun hat er wieder, glückliches Kind,
für jeden Tag ein Gedicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WACHKÜSSEN

Ein Kuss weckte Schneewittchen aus dem Schlaf.
Doch ein Kuss hat viele andere in den Schlaf versetzt,
Aus dem sie ohne Kuss später erwachten verletzt,
Verwirrt, enttäuscht, erwachsen, klein, entsetzt,
Ohne Prinz, ohne Prinzessin, ausgetauscht, ersetzt,
Dieses begreifend: der Kuss wurde überschätzt
Als Vermittler der Botschaft: Du wirst wertgeschätzt;
Dieses begreifend: der Kuss wurde unterschätzt
Als Schlafmittel, das Deine innere Klarheit zersetzt.
Du brauchst nicht zurückrufen, die Leitung ist besetzt.
Du darfst nicht stören, es wird gerade geschwätzt -
Wachgeküsst wird Schneewittchen gerade aus dem Schlaf!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

INTENSIVER

Ich weiß gar nicht,
wo ich anfangen soll -
Ich spüre alles intensiver.

Die Leere der lustigsten Witze
Die Distanz im innigsten Kuss
Das Schauspiel im ernstesten System
macht mich sensitiver.

Morgens älter werden
Abends jünger wachsen
macht mich kreativer.

Masken fallen sehen
Masken formen sehen
Masken reden sehen
macht mich intuitiver.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERSCHMELZUNG

Siehe, das ist kein Kelch,
Da ist mein Herz,
Tunke es in Deins. Welch
Freude, welch Schmerz,
Jede innige Verschmelzung.

Lass mich in Dich hinein
Ich kann Ecken erreichen
Hart und kalt wie Stein
Und schmerzlich sie aufweichen
In erfüllender Verschmelzung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIR SELBST TREU

Ich bin nicht so, wie Ihr
mich haben wollt, Ihr, die Ihr
auf meiner Seite seid.

Ich bin nicht so, wie Ihr
mich haben wollt, Ihr, die Ihr
gegen mich seid.

Kann für Dich jemand sein,
der Dich nicht versteht?

Kann gegen Dich jemand sein,
der Dich nicht versteht?

Deinen Pfad kennst und kannst nur Du.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BLINDER RASSISMUS

Das Schlimme an Rassismus ist,
daß er nicht weiß, daß er Rassismus ist.

Er denkt, er sei lustig, witzig.
Er behauptet, er sei nett, zuvorkommend, behilflich.
Er glaubt, er sei ehrlich, wahrhaftig.
Er meint, er sei natürlich - sogar menschlich.

Deshalb wird ihm nicht die Erkenntnis,
daß er Rassismus ist.
Vor allem deshalb, weil diese Erkenntnis…
sie zeigte ihm gleichzeitig,
wie klein er ist.

Das Schlimme an Rassismus ist,
daß er nicht wissen will, daß er Rassismus ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACHTBUS

Die Nacht ist eine dunkle Tube
Zieht den Flixbus in ihre dunkle Grube
Meine Gedanken aus ihrer dunklen Stube
Fliegen heraus und erhellen die Autobahn
Die Reise kann beginnen ohne Plan
In Erinnerung, Hoffnung, Klarheit, Wahn
Die äußere ist der inneren Reise Untertan.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KUSCHELTIER

Kuscheltier
kuschelt nicht
Heißt nur so
Lächelt nicht
heuchelt nicht
streichelt nicht
Kuscheltier
tuschelt nicht
schmeichelt nicht
so wie so.

Dennoch
füllt es ein Loch
bringt Wärme
Gesellschaft sacht
denen, die keine Arme
halten in der Nacht.
Ersatz für die Zweisamkeit
in einer Welt voller Einsamkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung