Es ist vorbei - Warte nicht darauf, daß er anrufen wird. Es wird keine Nachricht kommen, die das Herz berührt. Sehne die Vergangenheit nicht herbei - Sie ist in der Gegenwart nicht willkommen. Nichts ist merkwürdiger als Veränderung, in ihrer Unumkehrbarkeit vollkommen. Die Wege haben sich getrennt, die Vorhänge sind zu gefallen - Du siehst keine Statusmeldungen mehr; die würden Dir auch nicht gefallen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Dichtung
SOLLEN WIR WARTEN BIS ZUR TRAUERFEIER?
Sollen wir warten bis zur Trauerfeier, um erst dann zu werden (un)endlich freier? Sollen wir‘s hinausschieben bis zur Beisetzung, um anzuerkennen innere Verletzung? Sollen wir zögern bis zum letzten Abschied, um zu teilen unserer Herzen Lied? Wir harren im Kriegen im Sehnen nach Frieden, schaffen uns Schmerz und wollen Glück schmieden. Versöhnungsversuche heute wieder nicht gestartet. Wie lange wollen wir noch warten auf ein Ende, daß auf uns nicht wartet, in einer Form, die wir nicht erwarten? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
EINE ERINNERUNG
Bist Du noch bei mir? Manchmal vergesse ich, in meinem Gedächtnis nach Hinweisen nach Dir rum zu hören - Das ist das Enigma des Gedächtnisses: Es erinnert Dich nicht daran, daß es es gibt. Daran musst Du Dich selbst erinnern. Erst danach schaltet es sich ein, ohne Garantie. Er vergisst neue Begegnungen und neue Namen aber der erste Kuss, die erste Liebe, der erste Tod, der erste Schmerz, und manch ein Geschehen weit zurück in der Vergangenheit, egal wie weit, sie fühlen sich noch so an als wären sie erst gestern geschehen. Die erste Sehnsucht lebt am längsten im Herzen der Erinnerung. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SCHWEIGSAM
Die Worte werden zu viel Meine Seele ist am Limit Sie kommen zu schnell Ich komme kaum mehr mit Sie tönen so laut Ich kann sie kaum mehr verstehen Wenn ich schweig, flutet meine innere Stimme mich mit Ideen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
TÄGLICH ÜBER LEBEN
Dem Tode so nah Tag für Tag und heute auch. Dem Verzagen-hauch beinah ich erlag, meine Stärke übersah. Bis es geschah: Immer wenn ich wag, die letzte Kraft verbrauch: Ein Gefühl im Bauch Empfindungsschlag Ich bin wieder da! Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
VERSCHOBENE BEGRIFFE
Krieg ist leicht Frieden ist schwer Dem Waffenrausch weicht fast keiner mehr. Gewiß und Vielleicht, Gewissen und Gewehr, kommen sich immer näher. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SIEHST DU AUCH MENSCHEN, DIE ES GAR NICHT GIBT?
Hellseher sehen Geister - immerhin. Sie sind keine Wahnsinnigen, die Illusionen überzeugt wahrnehmen - Ähnlich wie die Durchschnittsmenschen, die Dinge und Menschen schräg sehen, oder das erahnen, was es gar nicht gibt. Denn sie blicken nur Bilder und Annahmen in ihrem eigenen Kopf, gekippt. Meine Vorstellung von Dir ist es demnach, die mir fest und nebulös vorschwebt, ist häufig alles, was ich sehe und denke, wenn ich Dich ansehe, und Dich noch nicht erlebt habe; oder wenn ich Dich ignoriere und von Dir wegschaue - kein Teil von uns. Dich kenn ich ja, DICH sehe ich nicht. Zu viele Filter liegen zwischen uns. Und jedes Mal, wenn ich DICH doch sehe, bin ich äußerst schockiert! Verwirrt. Wer ist dieser fremde Mensch? Das bist Du doch nicht. Kann mich nicht geirrt haben. Und so geht es weiter. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
TEL AVIV
Palmen wehen wedeln winken im Wind tauchen in der Ferne auf Psalmen singen ringen klingen in meinem Herzen drin tauchen aus einer Erinnerung aus an die ich mich nicht erinnern kann. Ich suche mein Gedächtnis gründlich ab wandle wie in einer Wüste mit Wanderstab von einem zum nächsten leeren Grab… Der Geist wanderte aus ihnen schon lange aus; kehrt er zurück, angezogen, dann als neuer Mann. Die Straßen Tel Avivs sehen aus wie die Straßen von Hunderten von Großstädten der Welt, voller menschelnden Menschen in der Art von Hier und Jetzt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung




EREIGNISHORIZONT
Manche ziehen die Masken schon runter Andere haben sie noch an Beide zeigen ihr wahres Gesicht Maskenträger gibt es keine mehr Faktenchecker noch weniger Wahrhaftige und Fake sind beide echt. Nur die eigene Wahrheit fällt nun ins Gewicht. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
IM ANFANG WAR DAS ENDE
Ich warte auf das Ende und das Ende wartet auf mich Und während wir beide auf einander warten überholt der Anfang das Ende und mich. Konsequenter als das Ende ist der Anfang aller Dinge - Er wartet auf nichts und niemand, hebt an zu singen bevor ich ausklinge. Am Anfang hielt ich stets Ausschau jedes Mal nach dem Ende - Doch jetzt am Ende weiß ich: Der Anfang bringt die Wende, nicht das Ende. Selbst am Anfang achtet aufmerksam nicht auf das Ende, sondern auf den neuen Anfang. Denn das ist der wirkliche Ausgang Und das wahre Ende. Der Anfang ist das Ende. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
