EXKLUSIVITÄT

Die Sehnsucht danach, die einzige zu sein.
Die Sehnsucht, danach die einzige zu sein.

Das Sehnen sucht, verunsichert.
Das Suchen sehnt sich nach Sicherheit -
doch die Sicherheit wurde durchlöchert
durch das Bedürfnis nach Freiheit.
Denn die Freiheit wurde angereichert
durch den Drang zur Wahrhaftigkeit.

Wie kannst Du haben,
was Du nicht haben kannst?
Egal wie häufig Ihr zusammen
lacht und schweigt und tanzt.
Und Du musst die Sehnsucht tragen
mit ein bisschen Hoffnung und ein bisschen Angst.

Die Sehnsucht danach, der einzige zu sein.
Die Sehnsucht, danach der einzige zu sein.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNVOLLENDBARE GESPRÄCHE AUS DER VERGANGENHEIT

Wie viel Wahrheit kann ich vertragen
ohne zurück zu schlagen?
Wie viel Wahrheit bin ich bereit zu wagen?

Ist es besser, sich zurückzuhalten?
Das Herz ist nicht gebrochen. Es ist gespalten.
Sind Lügen leichter als Wahrheit auszuhalten?

Unvollendete Gespräche aus der Vergangenheit.
Wem würdest Du heute bei Gelegenheit
begegnen mit der selben alten Befangenheit?

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HINTER VERSCHLOSSENEN VORHÄNGEN

Ich öffne meine Seele
wenn ich meine Vorhänge schließe
Wenn keiner mich sieht
bin ich am sichtbarsten

Wenn ich verschlossen bin
bin ich am durchsichtigsten.
Nachts, wenn die Welt dunkel ist
sehe ich am klarsten.

Keine Stimmen trüben mich
Keine Augen bedrücken mich
Keine Gedanken belügen mich -
Da bin ich am Wahrsten.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UHRZEIGER-SINN

Hörst Du den Tanz des Uhrzeigers?
Halb elf abends
trabend trabend
Die ganze Nacht hört zu, hypnotisiert.

Hörst Du Rap des Uhrzeigers?
Dreiundzwanziguhrfünfzehn
Mal mit mal gegen das korrupte System
Wie schön er rundum philosophiert.

Hörst Du das Trommeln des Uhrzeigers?
Halbe Stunde vor Mitternacht
Treu seinem eigenen inneren Takt
Ob gelobt oder kritisiert.

So will ich auch gehört werden
Im Schritt mit dem Zeitgeist, vorwärts.
Mein Herz schlagend für meine Taten
Meine Taten sprechend für mein Herz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DENN IMMER GIBT ES ZWEI SEITEN

Schwarz und Weiß
und die Lügen
die dazwischen liegen
wie Türen –
Eine führt zur anderen

Öffnen
Durchschreiten
Schließen
Öffnen
Durchschreiten

Schließlich
bist Du auf der anderen Seite
und bist nun weiter weg
von der Wahrheit
als je zuvor.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BIS WEICH DU WIRST

Windige Tage fegen
die salzgen Regentropfen
aus meinen Seelenspiegeln -
die vermengen sich mit meinen
Süßwasserflüßen, überfluten
Deine megastrengen leeren Strände
bis weich Du wirst vor Fülle -
Fülle an Durchdrungensein,
Fülle an Erwachen,
Fülle an Schmerz-begriffen-haben,
Fülle an Gemeinsan-weinen-und-lachen.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACH DEM DU MIR ALLES GENOMMEN HAST

Unter allen Liebhabern
die ich habe
gehst Du am tiefsten
am weitesten
in der Missachtung meiner Sehnsucht
nach Ruhe
nach Sicherheit

Und ich entkomme Dir nicht
immer kommst Du zurück
nach dem Du mir alles genommen hast
was ich je hatte
nach dem Du mir alles gegeben hast
was ich lieb habe
lieber April.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNERFÜLLT

Ich muss allerdings gestehen
Es fällt mir heute nichts ein
Ich habe nichts Neues gesehen
War den ganzen Tag allein
Nicht ich der Mensch äußerer Gesichter -
Sondern ich der innere Dichter.

Wie ein Ich in meinem Ich saß ich
Und sah mich vieles machen
Manchmal ernst, manchmal spaßig
Unterwegs mit meinen sieben Sachen -
Und ich merkte nicht, daß ich mich beobachtete,
Bis der Abend dämmerte und ich erwachte.

So wenig leben wir, während wir leben,
Das lebendige Ich versteckt sich.
So wenig geben wir, wenn wir geben.
Das lebendige Ich entdeckt sich
erst am Ende seiner langen Lebensreise -
Ein Junge unerfüllt im sterbenden Greise.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ER MACHT, WAS ER WILL

Ich spüre Dich wieder nahe,
nicht als Körper. Du ahnst es: als Geist.
Denn immer wenn Du nah warst,
wurde ich von der Dichtung gestreift.

Heute hast Du mich bombardiert,
angesteckt und ohne Impfung geheilt,
in die Flucht getrieben, dann als Scherz
hast Du mich auch noch zugeschneit.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Foto by Lena

STRANDGUT

Wusstest Du, daß täglich
ein Strand Dir Gesellschaft leistet?
Denn, und ich spreche nicht von Deiner Seele,
eine Gesellschaft ist ein Strand.
Ne, ich spreche doch von einer Seele.
Kultur, Gedächtnis, Geschichte, Art, Sehnsucht
sind der Gesellschaft ihre Seele,
wie das Meer dem Strande,
das kommt und geht,
wegnimmt und hinterlässt.

Und so laufen wir täglich am Strand
durch die Stadt, durch das Dorf,
hinterlassen Fußabdrücke und Flaschenpost,
Trophäen und Träume, die
von der Volksseele geschluckt werden -
Und alles Strandgut, das uns täglich begegnet,
das Hässliche, das Schöne, das Neue, das Alte,
kommt aus der Tiefe der Volksseele,
zeigt sich kurz - und wird wieder geschluckt.
Wird wieder verborgen, gehütet und versteckt. 

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Spaziergang bei Ebbe am Wattenmeer, Nordsee. Okt 2020.

Nach dem ich mein heutiges Gedicht schrieb, kramte ich dieses „alte“ Foto von vor 2 Jahren aus. Der Nordsee und vor allem das Wattenmeer haben zu meiner Seele gesprochen.