Heute höre ich das Schweigen Warum ist das Schweigen so laut? Und warum hört es keiner? Das Schweigen, unauffällig Wenn Menschen auseinander fallen Bereits allein, und jetzt auch noch alleiner Alleiner ist stärker als mehr allein Das Mehr trügt, Wo das Wesentliche immer weniger wird. Das Schweigen breitet sich aus Von Mensch zu Mensch, Haus zu Haus Und wahre Gespräche werden weniger. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Dichtung
TREFFPUNKT: ZAUBER
Wo bist Du, Einwanderer? Bist Du wirklich hier? Oder bist Du noch dort, wo Du hierher gekommen bist? Denn keiner kommt wirklich an. Niemals. Wo bist Du Auswanderer? Haben die es dort kapiert, wenn Du mit ihnen redest und lachst, daß Du noch nicht angekommen bist? Denn keiner kommt wirklich an. Niemals. Wie schön der Sonnenaufunduntergang Magisch der Staffellauf der Jahreszeiten Da spricht ein Geist, den Ihr so versteht und ich anders - doch eines ist gleich: Wir sind beide gleichsam verzaubert. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESPRÄCH ZWISCHEN FRÜHLING UND WINTER
Was hast Du gestern der Erde hinterlassen? Fragt der Frühling den Winter. Dein Schnee ist geschmolzen Dein Eis ist aufgetaut Von Dir ist nichts übrig geblieben. Ich habe vertiefte Seelen hinterlassen Habe Träume aus ihrem Schlaf geweckt Habe aus Lieben und Hassen Empfindungen in Herzen tief versteckt die aus meinem Eis Deine Flüsse gebaren, Deine Schuhe. Was kann ich morgen der Erde hinterlassen? Fragt der Frühling den Winter. Meine Blumen werden lang leben doch selbst sie werden welken - Meine langen Tage werden kürzer werden. Kann das Lachen je verlernt werden, mit dem Du Herzen anstecken wirst? Du bist der Anfang aller alten Erden und aller neuen, die Du noch erwecken wirst - und aus Deinen Flüssen wird einst mein Eis, mein Ruhe. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZEITEN UMSTELLUNG
Eine Stunde geht auf Reise Wieder die verlorene Stunde Ein Gast ohne Heimat dreht wieder suchend seine Runde Unentschlossen über Haben oder Sein Ungeschlossen wie der Menschheit Wunde. Die Zeiten verändern sich Die Gewissheit ist in aller Munde. Die Ungewissheit schneidet Kehlen, spaltet Zungen, sprengt Bunde. Während die Stunde immer näher kommt, jede Minute, jede Sekunde. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FRÜHLINGS BLUMEN
Sie kommen… Wie Reisende aus einer anderen Welt Besucher aus einer anderen Zeit Breiten sich aus über Flur und Feld Und verleihen ihnen ein neues Kleid Sie kommen… Wie neugierige Kinder aus ihrem Haus Wie Sterne auftauchend aus dem Nichts Drängen ungeduldig in die Welt hinaus Und in mein Herz hinein leichten Gewichts Sie kommen… Wie erregte Liebhaber, langsam, schnell, Plötzlich, auf dem Land und in der Stadt - Naturfarben, schöner als Pastell, In Blume und Baum und Halm und Blatt. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung![]()
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Fotos: Che Chidi Chukwumerije
MACH WAS FÜRS KLIMA
Wie viel Politik kann die Politik verändern?
Erstaunlich wenig ohne Menschen.
Wie viel Welt kann die Welt bewältigen?
Nicht mal ein Dorf ohne den Menschen.
Der Mensch wie der Morgen
ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft;
wie der Senfkorn klein in seiner Herkunft,
groß bei seiner Ankunft;
wie die Nacht, zur Hälfte Tag; wie der Tag, zur Hälfte Nacht;
Wie viel Erde kann der Mensch schützen?
Wie viel Klima kann der Mensch stützen?
Er wird‘s nicht wissen, bis er etwas macht.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FAHRT VON MÜNCHEN NACH FRANKFURT
Es ist kälter in München als in Frankfurt
und wärmer auch –
Es kommt darauf an,
ob Du die Menschen anlachst.
Es ist billiger im Dorf als in der Stadt
und teurer auch –
Es kommt darauf an,
welchen Fehler Du machst.
Ich bin nigerianischer als deutscher
Oder auch nicht –
Es kommt darauf an,
wer mich gerade ausschließen will.
Ich fahre von München nach Frankfurt
Oder auch nicht –
Denn meine Gedanken sind wo ganz anders
und sie bleiben nie still.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DAS LACHEN DEINES HERZENS
Manchmal läufst Du viele Meilen, an vielen allein laufenden Menschen vorbei, und bist gefühlt immer noch allein. Manchmal singst Du viele Lieder, in mitten vieler schweigender Menschen, und hörst immer noch keinen mitsingen. Manchmal liebst Du viele Menschen, überlässt jedem ein Stück von Dir und bekommst nichts Greifbares zurück. Dennoch lachst Du morgen wieder, denn das Lachen Deines Herzens ist das einzige, was Dich noch am Leben hält. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ERLEBNISFENSTER
Wo soll ich beginnen? Mit Machen oder mit Sinnen? Kein Ende will ich meinen Präferenzen - kein Abebben meinen Potenzen - doch alles Erleben hat seine Grenzen. Ist kurz das Erdenleben? Oder lang, die Fäden, die wir weben? Das Erlebnisfenster lebt in Momenten flüchtenden Sehnens, in Fragmenten von Küssen, Händchenhalten, Argumenten. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

Danke, Christine, für den Anstoß.
DRANG NACH ERFÜLLUNG
Ich muss mich zurück ziehen, wie aus Winters’ Atem Frühlings Zug, aus falsch angenommenen Pflichten, aus Selbsttäuschung und Selbstbetrug. Wie oft wollen wir den Himmel stürmen und lassen dabei die Erde außer Acht? Wie oft wollen wir für alles und alle andern leben? Dabei werden unsre wahren Ziele umgebracht. Und schleichend kommt des Geistes Sterben, des Geistes Absterben bei lächelndem Gesicht; Eine Wahl kann doch nicht stimmen, die getroffen wird zwischen Liebe und Pflicht. Eine Menschheit kann doch nicht gedeihen, wenn jedes Ich zutiefst gespalten ist; Frieden und Krieg werden nur wiedergeben, was ich innerlich bin und was Du innerlich bist. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

