LIEBHABER

LIEBHABER

Der Fluss rennt wie eine verrückte Frau
mit Beinen überall links und rechts geworfen
Bis er unser Tal erreicht
Dann auf einmal fängt er an zu tanzen
wie ein verrückter Mann
mit Beinen überall links und rechts geworfen.
Du siehst ganz deutlich den Unterschied
zwischen den zwei
und doch ist es der selbe Fluss.

Wenn unser Tal sein Höhepunkt ist,
dann ist es doch sein Gipfel.
Du siehst ganz deutlich den Unterschied
zwischen den zwei
und doch ist es das selbe Gefühl.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEISE BEWEISSTÜCKE

Selbst unsichtbare Füße
hinterlassen Abdrücke –
wie merkwürdig

Wichtig ist nicht die Wirkung
sondern die Auswirkung
Es gibt immer eine Rückwirkung

Selbst unausgesprochene Worte
bleiben laut im Gedächtnis
und sind Teil der Geschichte

Sie lauern zwischen den Zeilen
Als Lügen verkleidete Wahrheiten
Als Wahrheit verkaufte Lügen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KURZER REGEN

Die Wolken waren meine Gedanken
die ich von Dir fern hielt
doch wenn ich weine, rühren sie Dich

Aber nur kurz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE REICHSTEN MENSCHEN

Wenn ich Geld wäre
würdest Du mich ausgeben
oder für Dich behalten?

Mit mir die Welt einigen
oder die Welt spalten?

Armut schaffen oder ausschalten.

Die reichsten Menschen
sind reich mit Menschen.

Und je mehr Menschen sie befreien
desto mehr Menschen sie erhalten
und nie fehlt es ihnen an Menschen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUSSERHALB DER BOX

Jeden Tag steigt Houdini
in die Arme des Todes ein
und muß sich befreien, bevor er stirbt.

Eines Tages
drehte er die Reihenfolge um und
starb zuerst
– und wurde befreit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BRUCHFELDSTRASSE

Sonntag Nachmittag
Die Stadt geruhsam wie ein Schlafwandler
Dreht sich in der faulen Märzsonne

Einzeln, in zweier Dreier Gruppen
Die Menschen schweben unbekümmert vorbei
In Zeitlupe

Sie sind die nachträglichen Gedanken der Stadt
Die Antwort des Wochenendes auf die alte Woche
Die Fragen des Wochenendes an die neue Woche.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VIELFALT

Die Vorhänge zwischen den Emotionen
fallen wie gefaltete Farben, wenn sie zögernd
ihre gebrochene Farbtonleiter sich herunter tasten,
die eine Farbe suchend, die nicht existiert.

Es gibt zu viele Zwischenlieder –
Mitglieder der menschlichen Familie –
Wo höre ich auf? Wo beginnst Du?
Unser Vielfalt, wie ein Überraschungsei,
zaubert tägliche neue Farben ans Licht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KATZE

Katze
Der Tag ist wie eine Katze,
die die Oberfläche eines Tisches verlässt
und fällt und fällt
und dreht und dreht sich
und landet zum Schluss wieder auf ihren Pfoten.

Katze
Die Nacht ist wie eine Katze
die sich zurück zieht
und aus der Ferne Dich beobachtet
als wärest Du ein Fremder…
und dann, plötzlich, mit einem Sprung
landet sie auf Dir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEBENSZIELE

Der Weg ist zerknittert

Wie ein Blatt Papier, auf dem
Die Richtung einst gezeichnet stand –
Ungefähr.

Dennoch
Immer noch
Lesbar.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRUNDEINSTELLUNG

Rassismus ist ein Filter
Kein Anschlag
Keine Gebärde
Kein Gerede, kein Gedanke
Keine Art zu lügen oder zu zanken
Keine bereits vollzogene Tat

Rassismus ist ein Filter
Ein Kamerafilter –
Alles Aufgenommene
Alles Angenommene
Alles Wahrgenommene
Ist von Vornherein verfärbt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung