WIR

Ich denke an Euch
wie Ihr mit Eurem Leben
dafür bezahlen musstet
daß Ihr ein Leben hattet
und Teil unseres Lebens wart
– und nur deshalb.

Ich denke an Euch
entspannt lachend im Arm
des gemütlichen Abends
eingerahmt vom familiären
und vertrauten „Wir“
– zum aller letzten Mal.

(an die Opfer des rassistisch motivierten Terroranschlags am 19.02.2020 in Hanau)

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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BUNTESREPUPLIK

Mit jedem Schuß
wird das Land bunter
das Bunte stärker
eingebunden im Bund!

Rückwärts ist vorwärts
Vorwärts ist vorwärts
Es gibt kein Zurück mehr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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LEBEN OHNE LEBEN

Steige in mich ein
oh Leben, denn
der Tod hat mich allein
gelassen.

Wie soll ich die Jahre
der Leere füllen
bis ich endlich hinüberfahre
ins Jenseits des Todes?

Tausendjahrelange Tage
sind ohne tausend Empfindungen
pro Sekunde nicht in der Lage
erfüllt zu werden.

Drum. Steige in mich ein
oh Leben, denn
der Tod hat mich allein
und arbeitslos gelassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZEIT REISE

Ist die Zeit eine Linie
oder ein Kreis?
Ich führe zum Beweis
ihrer Kreisförmigkeit
die ständige Anwesenheit
der Vergangenheit
in der Gegenwart
ihrem Lieblings Tatort
wie in ihrem Kreissaal
der ständigen Wiedergeburt
ohne Zukunft.

Ohne Zukunftsblick
Geht‘s ins Vergangene zurück
Der Bewegungsdrang
treibt zum Alten wieder
wer das Neue nicht ertragen kann.

Ist die Zeit ein Kreis
oder eine Linie?
Ich führe zum Beweis
ihrer Linienartigkeit
die Reue über alles Vergangene
was ich nie wieder zurück holen kann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MELODIEN UND MUSEN

Hin und her die Uhr
Hoch und runter Vogelgesang
Hart und weich das Herz
Schnell und langsam der Atem
Tief und flach die Gedanken
Stark und sanft der Wind
Lang und kurz der Morgen
mit seinen Melodien und Musen
und Melancholie und mir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GLEICHMUT

Der Tag war schwer und leicht

Eine alte Dame schleppte ihren Rollkoffer
langsam über die Zebrastreifen
in ihren Gedanken versunken

Sie strahlte eine leicht amüsierte Stärke aus

Das Leben hat ihr beigebracht
daß sie das Gewicht des Lebens
tragen und ertragen kann
komme was mag

Der Verkehr blieb ungeduldig stehen
bis sie langsam und gelassen
die Straße überquert hatte

Der Tag war schwer und leicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EIN TAG WIE TAUSEND JAHRE

Wie groß
umfangreich und
geräumig der Tag ist
jeder Tag
jeden Tag
habe ich entdeckt
seit dem ich täglich innerhalb
der weiten Grenzen und
vielen und verschiedenartigen
Räumen und
unzähligen Schichten
dieses Reichs „Tag“
jeweils ein neues Gedicht suche
und finde.

Das richtig Verblüffende
Umhauende
Demütigmachende
ist nicht, was ich finde
oder daß ich täglich finde…
sondern die Fülle dessen, was
mir täglich angeboten wird
und die Menge an Wertvollem,
das ich täglich liegen lasse
unaufgenommen
unverinnerlicht
unverarbeitet
weil ich noch nicht offen und
stark und rege genug bin.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WEITERDENKEN

Denk an einen Vogel
der lange alleine fliegt
und da fliegen denken ist
denk an einen Vogel
der lange alleine denkt

Sein Herz war seine Navigation.

Und so flogen wir von Frankfurt nach London
und kamen immer noch nicht an
Die Maschine rollte zur Parkposition
und wir flogen noch in der Luft
und steigen nimmer aus

denn unser Herz ist unsere Navigation.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ÜBERMENSCH

Das Leben ist schnelllebig
Mut ist wankelmütig
Der Mensch ist übermenschlich
wenn er menschlich ist

Art ist ungleich artig
Alle Wege sind gleich unwegsam
Der Mensch ist unmenschlich
wenn er übermenschlich ist

und übermenschlich
wenn er menschlich ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

KRISTALLENGEISTER

Die Welt ist voller Schatten
einfach nur weil
wir keine Kristallen sind

Noch nicht.

Das Zeitalter wird kommen
da werden Menschen
vom Licht getroffen
nicht Schatten werfen
sondern Farben

die allerschönsten Farben
des Lichtes

Lichtdurchlässigkeit
Freude zu lassen
Wissen teilen
Liebe weiter- und zurückgeben

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung