REIFUNG

Die Temperatur fällt
Es fallen die Blätter ab
Das Feuer lockt zum Herd
Die Kälte zum Grab

Mensch und Tier ziehen zusammen
Wärme geteilt, wie Gedanken, wie Gefühle
Wie Empfindungen, wie die Einsamkeit
Ist Wärme vertieft. Als Kern, als Hülle.

Der Höhenflug des Sommers
War lang. Die innere Rückreise
Zu den Kernfragen setzt nun an
Langsam, herbstlich, reif, leise.

Reif wie Dein schweigender Blick
Wo einst Du so viel gesagt hättest
Reif wie unsere abgekühlte Liebe, die
Du im letzten Augenblick noch rettest.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ICH WÜNSCHE DIR

Wie Stufen…
Ihre Schreie rufen mich
Von Sorge zu Sorge immer tiefer
In den Gedanken nieder:
Es ist alles umsonst,
Gute Gedanken und Worte
Gute Vorsätze und die gute Tat
Das bringt alles nichts.

Und dann denke ich daran
Daß die Schöpfung aus Gottes Wollen
Hervorging
Samt Blumen und Lächeln und Sehnsucht
Samt Wachstum und Erleben
Und vor allem Liebe
Nichts ist umsonst im Garten “Schöpfung”
Wir ernten alles, was wir geben
Entweder in diesem Leben
Oder in einem anderen.

Wie Stufen…
Die Erkenntnis zieht mich wieder
Aus dem Loch ihrer Schreie heraus…
So gerne wurde ich sie mit ihnen teilen
Aber ihre Schreie waren nicht laut
Sie waren verborgen in ihren Herzen
Während wir Guten Morgen sagen
Und Wie geht es Dir? Na, was sonst:
Danke, gut. Ich wünsche Dir dennoch
Einen schönen Tag.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

GEFALLENE GEISTER

Manchmal in Momenten der Niederlage
Verlieren wir unsere Menschlichkeit.
Überlebenstanz, Rache, Tränen, Rage
Ihr wißt schön Bescheid –
Mißgunst und Neid.

Doch nichts ist trauriger als wenn ein Sieger
Seine Menschlichkeit veräußert
Alles Kleine in dem großen Krieger
Wird entsprechend vergrößert –
Das Gemeine befeuert.

Einst warst Du anders als heute
Du konntest menschlich lachen trotz Sieg oder Verlust
Lachen ohne Zynismus, ohne Schadenfreude
Dein Lachen war geistig und selbstbewusst –
Voller Lebenslust.

Über gefallene Engel weiß ich wenig
Aber gefallene Geister sind mir vertraut
Denn ich bin einer davon und spüre es stetig –
Doch, flüstern unsere inneren Stimmen miteinander vertraut
Klingen sie zusammen wieder laut.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ERNTEDANK

Einer jener Momente
Wo ich einfach nur dankbar sein will
Mein Leben, Du bist mein Feld
Ich pflanze Tränen und pflücke Lächeln
Streue Einsamkeit und sammle Gesellschaft ein
Und zwar der echten Art
Innerer Verbundenheit
Ich beerdige meine Vergangenheit
Und Du schenkst mir eine Zukunft
Mein Leben, mein Feld, Du
Nimmst auf meine Verzweiflung und ich
Ernte Hoffnung hell wie der wahre Sonn-Tag.
Danke für den Regen und die Sonne
Und alle Helfer und den Schöpfer
Und das Geschenk des Lebens
Und des Innenlebens.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

RÜCKKEHR DER DIKTATOREN

Vor lauter Gestalt
Wo bist Du, Inhalt?
Sollen wir jetzt Angst haben
Da die Diktatoren weltweit
Wie dunkle Wolken am Himmel
Sich zusammenziehen und verbünden?
Vor lauter unlauterer Gestalt
Inhalt, wo bleibst Du, Inhalt?

Als wir jünger waren und leichtgläubig
Waren wir alle blauäugig und blind
Durchschauten nichts, sahen nicht
Die kommende Trennung nach Gestalt
Des gehaltsschweren leeren Inhalts.
Sollen wir jetzt Angst haben
Da die Diktatoren sich gefunden haben?
Wen werden sie schützen? Wen vernichten?
Vor lauter Gestalt – – Wo bleibt Inhalt?

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

VERSÖHNUNG

Der ganze Tag war heute Abend;
In der Früh schaute ich um,
Stumm. Herz und Welt, beide stumm.
Zu Mittag blickte ich hoch,
Der heutige Tag fehlte immer noch.
Spät am Nachmittag öffnete ich mich,
Nichts reimte sich einfach auf mich
Weil heute von Anfang an
Immer Abend war, geduldig wartend –
Wie Frau auf den mutig gewordenen Mann
Harrte Heute die ganze Zeit auf heute Abend;

Auf diesen wunden Moment
Du und ich in unserem zarten Element
Bereit, zu beseitigen gesterns Argument.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

JENSEITS DER GEDANKEN

Deine Gedanken waren
Dir mal fremd
Fremde Gedanken scharen
Sich um Dich –

Schickst Du einen fassbaren
Gedanken Samen aus
Halten sie sich fest und fahren
In Dich ein

Ungehört doch gespürt garen
Sie in Dir
Nehmen Einfluss auf Dein Gebaren
Und weiteres Denken.

Hör auf Dein Herz und Gewissen, Mensch
Tiefer, auf Dein geistiges Lichtempfinden –
Nicht alle Gedanken sind blind zu folgen.
Versuch, die Innere Stimme mit einzubinden.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SPÄTLING

Spürst Du
Wie ich – auch –
Das langsame karg
Und immer kärger Werden
Unserer zweiten Haut?

Kaum finden die zitternden
Strahlen des Tagesmondes Raum
Sich auf einer bunten Baumkrone auszuruhn
Morgens, erfriert unser Lächeln wieder
Bevor es überhaupt auftaut.

Spürst Du
Wie ich – auch –
Wie Mutter sich zurück zieht
In die Arme ihres unsichtbaren
Liebhabers, folgsam und gehorsam?

Der Spätling ist
Jedes Jahr zäh und zart
Immer wieder hart und weich
Jedes Jahr bunt, wechselhaft und grau
Und immer immer seltsam.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WELTSICHT

Pangaea sprach
Aus
Bewunderung brach
Aus
Die Rundwanderung
Um die Runde Erde
Krachte in sich zusammen
Kontinenten mit Ecken
Und Kanten
Uralte Bekannten
Mit fremden Augen
Die Welt sehen
Menschen übersehen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

TRENNUNG

Heute morgen. Sitzend im Friedhof
Ich frage mich: was ist leben?
Draußen war in und um mir alles tot
Hier fühle ich mich lebendig

Hier wo Knochen und Eitelkeit
Begraben nebeneinander weiter sterben
Kein Streben nach Ruhm macht
Den Sterblichen wieder unsterblich

Nirgends ist leben spürbarer als hier
Wo keiner liegt und nicht in Frieden
Selbst der Tod hält sich fest am Leben
Höflich, wachsam, grün und friedlich

In der Stille tief ist Schönheit
In den Gedanken der Hinterbliebenen
Selbst inzwischen auch abgeschieden
Unter ihren eigenen Blumen liegen.

Das Schönste an einem Gedicht
Nicht der Anfang, sondern sein Enden
Plötzlich, bestimmt, ist es geboren und
Befreit sich von seinem Dichter endlich.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

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