AN GOTT IST ZU GLAUBEN

Und wieder ist jemand gestorben
Den Du kanntest. Selbe Generation.
Du hättest es auch sein können.
Hinterließ einen kleinen Sohn.
Wo ist Gott?
Frag stattdessen: Was ist Gott?
Woran wird Realität gemessen?

Eines Tages sitzen Deine Freunde
Zusammen, erinnern sich auch an Dich,
Meine an mich, aber auch sie, die
Erinnerer, erinnern sich teils vergeblich
Denn auch sie
Werden einst vergessen: Poesie
Bewahrt nur einen Teil unserer Essenzen.

Wir selber ziehen fort und weiter
Denn überall ist Leben und Sein.
Realität selbst ist Gottesschöpfung,
Die Liebe zum Sein und geteiltem Sein
Und Anderssein,
Diese Liebe ist wessen?: von Gottessein
Zeugt sie, und Zuversicht unterdessen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SIE WERDEN IHRE EIGENEN ERINNERUNGEN HABEN

Sie werden ihre eigenen
Erinnerungen haben.
Meine Kinder sind Kinder ihrer Zeit,
Ich war nur die Brücke
Wie mein Vater seinerzeit
Oben auf der Brücke stand und winkte
Und ich winkte zurück und ich ging weiter

Wie mein Vater durch meine,
Sehe ich heute durch ihre Augen Dinge
Die ich als Kind niemals sah
In einer anderen, verschwundenen, Welt
Und wie er denke auch ich nach und
Frage mich: Was geschieht tatsächlich
Innerlich in meinen wachsenden Kindern?

Nach dem ich weg bin
Und wieder weiter gezogen
Was werden ihre Erinnerungen sein?
Erinnerungen an die Kindheit,
Hort zartester Empfindungen, Nostalgie
Schmerz und Freude, Kraft und Hoffnung
Und Geheimnisse und ungelösten Fragen.

Und ich werde da sein
In ihren Erinnerungen,
Ihre liebe Mutter auch und eine Zeit
Und eine Welt, die es so nur dort gibt
In ihren Erinnerungen, teils Märchen,
Teils wirklicher, stärker und lebendiger als
Alles, was ihre Zukunft bringen wird.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

LÜCKE

Wenn Du auf Schmerz wartest
Und er kommt nicht, wie ein untreuer
Freund und reuelos, wiederholt lässt
Er Dich im Stich, was bleibt übrig als
Lückenfüller und Ersatz?

Wie viele unfreundliche Blicke
Verletzten Dich heute? Wann hat es
Aufgehört, weh zu tun? Lebst Du
Noch? Wann bist Du gestorben? Wo
Findest Du Deinen Platz?

Wie viele freundliche Blicke
Überraschten Dich heute? Schwerer
Deutbar als die, die Dich beim Anblick
Ablehnen, sind die, die behaupten,
Du wärest ihr Schatz.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

FFM

Abend in der Stadt
Ein Gewusel an fertigen Gefühlen
Und unfertigen Gedanken
Fettig, Auto und Haut
Stillstand am Stadion – Eintracht
Spielt Krieg auch noch heute
Leute Meute teutonische Kräfte
Freigelassen, Endstand ungewiss
Der Drang ins Innere endlich gelungen
Abend in der Innenstadt
Müder Verkehr, doch
Müde sein wäre verkehrt, bald vermehrt
Sich die Lichterschar, alle fassen Mut
Versöhnen und vertragen sich
Denn die Stärke dieser Stadt
Liegt in ihrer Fähigkeit, ohne Scham
Und ohne Minderwertigkeitskomplex
Mit sich selbst schwach zu sein.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WIE KANNST DU MICH LIEBEN?

Wie kannst Du mich lieben
Wenn Du mich doch hasst?

Willkommen will nicht kommen
Kommt nicht willens, ist eine Last.

Willkommen, wer will kommen?
Komme was will, Ihr Lieben
Hier findet Ihr, aber nur kurz, Rast

Meine Kinder werden‘s hier vielleicht lieben
Ihretwegen fühl ich mich willkommen
Aber nicht zuhause, denn ich bleibe Gast.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HÖRT KEINER MEINE STIMME

Bin ich hier
Oder bin ich nicht?
Bin ich Teil von etwas
Ohne Angesicht?
Und wenn ich sag Hallo
Sag mir, stör ich Dich?
Und wenn ich fehle,
Vermisst Du mich?

Hört keiner meine Stimme?
Hört keiner, wenn ich schrei:
Ich bin hier!
Hört keiner meine Stimme?
Bin ich alleine hier?

Heimatlos
Das Land ist groß
Groß genug
Um zu verschwinden –
Hört keiner meine Stimme
Wird keiner mich finden.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

AUSSICHT: BUNTÄUGIG

Wird über uns
Gewalt einbrechen?
Unmensch sich beim Menschen
Rächen?

Ehemalige Herrscher
Wollen wieder Herrscher sein
Zurückgehaltene Verbrecher
Sind die Rächer.

Das Gute im Menschsein aber
Das einst schwieg, bereut es…
Hebt nun an, gut zu machen heute
Möglichkeiten damals vergeudet

Die Gesellschaft begegnet sich neu
Unsicher, ablehnend, verschieden, scheu
Neugierig, wütend, verwirrt, hoffnungsvoll
Buntäugig und leicht ungläubig.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SUCHMASKEN

Gesellschaft im Wandel
Wer hat sich geändert?
Ich nicht. Du nicht. Sie nicht.

Wer dann? Wer plündert
Erinnerungen von Skandal
Formt daraus ein neues Gesicht?

Eine neue Sicht alter Masken
Als hätte sich gewendet
Das Blatt gegen den feigen Vandalen

Ich sehe keinen Wandel
Kein Blick bricht hindurch –
Nichts durchbricht die Schutzmasken.

Bist auch Du in die Welt ausgebrochen Um sie zu verändern?
Bist auch Du in die Masken eingebrochen
Auf der Suche nach dem uns Verbindenden?
Und fragst Dich heute: Habe ich es
Noch nicht gefunden?
Oder bin ich zu stolz, um zu akzeptieren,
Es ist noch keinem gelungen?
Weil es es nicht gibt.
Es gibt nur Liebe oder nichts.

– Che Chidi ChukwumerijeB
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

KREISEN

Heute muß ich ins ferne Land
Weiß nicht, was mich erwartet
Suche ahnend die unsichtbare Hand
Anders- und gleichgeartet
Beides gleichzeitig
Die auf mich – wie ich auf ihn – wartet,
Beides gegenseitig.

Ich starte steil in den Sehnflug
Sehnflucht zittert vor Sehnsucht
Einmal ist niemals genug
Reisen ist der Sehnsucht nur eine Frucht
Rückkehr die andere
Selbst im Äußeren wird letztendlich gesucht
Nur das Innere.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SIE SIND NOCH DA

Abtransport.
Sie sind noch da.

Ausgrenzung.
Sie sind noch da.

Glasdächer.
Sie sind noch da.

Wegschauen.
Wiedersehen.
Sie. sind. noch. da.

Sie sind wieder da.

Kann es sein? Daß sie
Einfach
Dazu
Gehören.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung