DAS UNSICHTBARE

Die Rose im Garten
Unter liebevoller Pflegerhand
Die Rose im Wald
In vernachlässigster Ecke im Land
Beide werden wachsen und gedeihen
Das Unsichtbare wird beiden Flügeln verleihen

Das Mädchen der Stadt
Das Mädel vom Land
Beiden haftet gleich
Stark und tief und weich
Der unsichtbaren Weiblichkeit Hand
Und Herz in Sein und bei Tat.

Ihr dürft den Drang nie unterdrücken
Nach Innen und nach Oben zu blicken.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

WIEDERDAHEIM

Lange Fahrt
Bangen hart
Wangen zart
Fangart der Liebe:
Die Erwartung fächeln.
Klangart der Liebe:
Lautlose Lächeln.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

TONSKALA

Bin heute voll
Habe Musik getrunken
Dur und Moll
In Erinnerungen versunken
Traurig und toll
Doch Träume haben auch gewunken
Mich befreit vom Groll
Zündeten neu meine Funken
Beglichen Haben und Soll.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Jahr der deutschen Dichtung

BERGSPAZIERGANG

Wir liefen wie zwei Kinder
Weit entfernt von der Welt von Tinder
Tauschten unschuldige Gedanken
Und dafür möchte ich mich noch bedanken
Für das gemeinsame Aufsaugen der Natur
Und die Neubelebung der Kindheit
Ohne Uhr, Berge nur, jede Spur Freude pur
Geheilt der Erwachsenenblindheit.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

REIF UND UNREIF

Sie ist achtzehn und hat den Eindruck
Ihr Körper reift schneller heran als ihr Verstand
Sie sehnt sich nach einer führenden Hand
Einem, der sie begreift mit einem Blick

Denn sie kann es ja keinem direkt sagen.
Sie hat Angst, ausgelacht oder ausgenutzt zu werden…
Ein gut getarntes Schaf unter wilden Herden
Und traut sich noch nicht, das Leben voll zu wagen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

KARWENDEL UMRISS

Wie eine sagenumwobene ferne Zukunft
In greifbarer Nähe…
Meine Träume sind gleichzeitig Herkunft

Der Erinnerungen, deren Umriße ich sehe
Geben undeutig Auskunft
Über Leben, Arbeit, Hobbies, Kinder, Ehe

Drängen sowohl zur Tat als auch zur Vernunft
Fahr! Vorsichtig! Wehe,
Wenn Du das Wesentliche verbockst kurz vor Ankunft.

Swar n leises Gespräch, dessen Tiefe ich versteh
Wach sein ist die Kunst
Der feinen Sinngewinnung aus allen Dingen unscharf oder zäh.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Jahr der deutschen Dichtung

Das Karwendelgebirge sanft umrissen in der Ferne. Unterwegs von München nach Innsbruck - Endziel Vomperberg. Foto: Che Chidi Chukwumerije, 18.04.2019.
Das Karwendelgebirge sanft umrissen in der Ferne. Unterwegs von München nach Innsbruck – Endziel Vomperberg.
Foto: Che Chidi Chukwumerije 18.4.2019.

AUFNAHMEGERÄT

Was war zurück geblieben?
Nach dem die Fotos gespeichert waren
Die Videos geteilt an meine Lieben
Die Audios bereinigt ob der Unklaren
Die Blogs geschrieben und gelesen –
Aber war nicht mehr, viel mehr, da gewesen?

Vollzog nicht die ganze Zeit
Ein tieferes Geschehen, als Begleit,
Unsichtbar jeder technischen Erfindung
In seiner Art und wahrer Identität?
Wahrgenommen nur von unserer Empfindung,
Unserem echtesten Aufnahmegerät.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

MOMENTE DES LEBENS

Momente gesammelt
Denn ein Herz hat mehr Speicherplatz
Als alle Smartphone der Welt versammelt
Neben diesem einen Schatz:
Menschengeist.

Blatt um Blatt
Lese ich alle Menschen zwischen den Zeilen
Wie kann ich vergessen, was mich geprägt hat?
Momente markieren meine Meilen
Ich, Menschengeist.

Momente der Freude
Momente des Schmerzes, der Angst, der Liebe
Was mich einmal durchdringt, gehört im Gebäude
Meines Geistes fortan zum Getriebe
Je mehr ich erlebe
Desto mehr lebe
Ich, Menschengeist.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

NACHTRUHE

Ruhige Tage
Mein Sinnen vage
Frei von Sorgen
– das macht mir Sorgen

All meine Plagen
Das leise Unbehagen
Die vielen Fragen
… schweigen.

Die Wanduhr tickt leise
Wandschatten gehen auf Reise
Es weigern sich unerklärlicherweise
Meine Sorgen weiterhin sich zu zeigen…

Als ob heut Zuhause
Mit ner kleinen Verschnaufpause
Der sanfte Abend mich traf:
Schlaf, Kindlein, schlaf.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

FLÜCHTLINGE

Die Gegenwart ist auf der Flucht
Vor der Vergangenheit weit geschwommen
Und findet, egal wie hart so sucht,
Keine Gelegenheit sie zu entkommen.

Kein Geschehen ist Boot genug
Keine Gegenwart ein sicheres Meet
Der Getriebene schleppt mit sich im Zug
Seine Herkunft in die Zukunft mit hinterher.

Die Zukunft! Schimmernd in der Ferne
Trügerisches, höhnendes, herzloses Horizont
Man möchte dem Suchenden zurufen, “Lerne
Erkennen: Dein Leben selbst ist die Front!”

Dein Heute ist die zu häutende Haut
Wenn das Leben Dich haut, Deine dicke Haut
Lässt nur das durch bis unter die Haut
Unter dessen Wirkung Deine Mitwirkung auftaut…

Mitwirken beim eigenen Neuwerden
Beim Versöhnen Deiner alten mit Deiner neuen Welt
Beim gemeinsamen Streben aller Sucher auf Erden
Nach einer Zukunft, die sich friedvoller entwickelt.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung