BETREUEN UND BEFREIEN

Papa, über was schreibst Du heute ein Gedicht?
Ich weiß nicht. Über was soll ich heute schreiben?
Über mich. Über Dich? OK. Nein! Spaß! Bitte nicht!
Zu spät. Der Gedanke ist gekommen und muss nun bleiben.

Und muss nun wachsen, betreut von meiner Liebe,
und mich verändern, während ich ihn auch verändere;
dann, vollendet, mich zu verlassen, um im Weltgetriebe
eigenständig zu wirken für eine neue Welt, eine bessere.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GROSSES VERLANGEN

Nicht die Größe des Universums,
sondern die Tatsache, daß alles Stoffliche
zusammen trotzdem nicht groß genug ist,
um das Herz zu füllen, ist das Erstaunliche.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEIN HERZ RAST

Mein Herz rast
durch das Leben
An keinem
bleibt es kleben

Ich sitze als Gast
und Pilot zugleich
Flugbegleiter auch
allein und mit Euch

Mein Herz fliegt schnell
durch mein Leben
An keinem
bleibt es kleben

Doch egal wo ich bin,
da seid Ihr…
mit mir reisend
tief in mir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALS MENSCHEN TREFFEN

Wo können wir uns noch als Menschen treffen?
Nicht als Spiegelbilder und Verteidiger der Interessen
von Nationen, Kulturen, Völkern, Ethnien, Rassen,
Religionen, Gendern, Orientierungen, Ständen, Klassen,
sondern einfach als Menschen.
Höher als alle diese Identitäten.

Verbarrikadiert im Grabenkampf der Identitäten,
verloren wie Amnesiekranken in Gruppen-Rivalitäten,
gibt es nur noch wenige die für das kämpfen,
was wir tatsächlich im Grunde alle sind: Menschen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU BIST NICHT ANDERS

Du bist nicht anders
Du bist Du
Die anderen sind anders
Du bist Du
Bleibe Du

Du bist nicht komisch
Du bist Du
Du bist nicht besonders
Du bist nicht ideologisch
Du bist nicht divers
Du bist Du

Die anderen sind anders
Jeder Mensch ist besonders
Besonders sich selbst
Besonders ich
Besonders Du.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WENN DU IN DIE LEERE HINEIN RUFST…

Wenn Du in die Leere hinein rufst,
ruft die Leere in Dich hinein -
bittet, nein, zieht Dich in sich herein.

Wenn ich mit der Nacht rede,
redet die Nacht mit mir,
der Tag ist Verstand, die Nacht Gespür.

Alle wollen berühmt sein, anerkannt,
Das Internet hat das Schlechteste enthüllt,
was uns in unseren Seelen erfüllt -

Wir haben es preisgegeben und gefrönt,
ohne Scheu, ohne Scham und ohne Zwang:
die Geltungssucht und der Geltungsdrang.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RICHTUNG WEIHNACHTEN

Es kommt erneut zum Jahresende jene schwierige Zeit,
wo innerlich empfundene, nachdenkliche, Tiefe
gestört wird durch laute kommerzielle Heiterkeit.

Bitte, schick mir keine Memes, schreib mir echte Briefe,
teile mit mir ein inniges Stück Deiner Ernsthaftigkeit.
Es rutscht schnell vorbei, diese Zeit, wie auf einer Schiefe.

Rede mit mir über eine Liebe, die wirklich verzeiht.
Verpasse dem Jahr einen Schlussstrich fein wie eine Serife,
mit einem Ernst, der die heilige Nacht wieder weiht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KONTRAST

Die Dunkelheit kommt abends schnell
wie ein ungeduldiger Liebhaber
und macht das Innenleben hell.

Kontrast ist der Gleichheit sein Inhaber.
Bist Du materiell, werde spirituell
ohne wenn und aber.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREMDBLICKE

Die Augen der Welt
sie saugen Dein Selbstvertrauen -
Fremdblicke in Fremdenblicken
der Nacktheit. Mit Fremdschauen
kommt Fremdschämen des Selbsts;
stets nachschauend, ob sie zuschauen,
Du gibst denen zu viel Macht über Dich,
die Dir Deine Freiheit sehend verbauen -
sie strafen Dich mit Blicken, die Streife fahren
wie Polizisten plötzlich aus den Blauen
heraus, Dich im Scheinwerfergericht ihrer Augen
fangend, sie werfen den Schein auf und klauen
Dir - wenn Du es zulässt - Deine Einsicht,
Deine Zuversicht, ja, Dein Selbstvertrauen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MENSCHENBAUM

Menschenbaum, was verbirgst Du da?
Deine Narben? Deine hässlichsten Äste?
Menschenbaum, was schirmst Du da?
Deine geheime Seite ist Deine Beste.
Sie rührt unser Gewissen
und lässt uns wissen:
Du und wir sind ähnlich zerrissen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung