Orte reden mit mir wie Menschen so mit Fremden reden: Unsere Eigenart haben wir hier, geflochten aus unsichtbaren Fäden unserer Bräuche, Wünsche und Geheimnisse. Ich spüre und verstehe ohne Worte jeden Ort, den ich besuche, wirklich jeden. Jeder für sich besonders sind alle Orte, dennoch spüre ich die uns verbindenden Fäden ohne Kenntnis der dahinterliegenden Ereignisse. Menschen wie Blicke treffen sich Menschen wie Blicke meiden sich Menschen wie Blicke verstehen sich Und Häuser, Straßen und, schweigend, Bäume bewohnen bleibend unserer Seelenräume. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Dichtung
STILLE
Sei still, sonst hörst Du Deine innere Stimme nicht und weißt nicht, was sie will, Dein freier Wille. So frei, keine Meinung oder Neigung trübt seine Sicht - Er lenkt Dich zweifelsfrei in der Stille. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SIEHT SIE AUS WIE DU?
Sieht sie aus wie Du? Oder sieht sie hinaus wie Du? … hinaus in die Welt, die vorbei fließt, und sieht die Welt so wie Du sie auch siehst? Oder sieht sie Dich? … weil sie Dich ansieht. Und, weil sie Dich ansieht, erkennt sie Dich? Oder erkennt Ihr Euch gegenseitig Weil Ihr Euch gegenseitig anzieht? Aber wie ist‘s denn mit den Andersartigen, die Dich ergänzen und vervollständigen? Alle diese Fragen beschäftigen mich in einer Welt der Gegensätze in einer Zeit zugenommener Hetze. Und die Sehnsucht nach der Gleichart ist außen hart und innen ängstlich und zart. Diese Frage beschäftigt mich. Die ganze Welt stammt aus fremden Haus, wie erkennst Du Deine tiefste Gleichart? Wie sieht sie denn wirklich aus? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DER NATÜRLICHE WEG
Eine ist tot, ihre Seele ich weiß nicht wo, ein anderer - der war so freundlich - ebenso, eine andere liegt heute tapfer im Krankenhaus, einer ist jetzt zu schwach, sitzt nur noch Zuhaus, eine weiß nicht mehr, wer ich war und bin, ich umarme sie trotzdem alle in mir innen drin, denn auch ich werde, wenn ich Glück hab, eines Tages alt werden, dann folgt das Grab. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
VERSCHWOMMEN
So müde Ich sehe meine Gedanken doch ich kann sie nicht fassen Wie Fische im Wasser Liebe ich sie, sollte ich sie dort lassen In ihrem Element, in ihrer Welt, einer fremden Welt glückliche Insassen Auch wenn ich sie nicht greife werde ich trotzdem nichts verpassen Bin nur müde. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
JEDER MENSCH HAT DIE WAHL
Keiner hat keine Innere Stimme, egal ob Politiker, Rechtsanwalt oder Sportler, Arzt, Beamter, Handwerker, Wissenschaftlicher, Jeder Mensch, der Gute und der Schlimme, hat die Wahl zwischen erster und zweiter Stimme. Denn die übergeordnete Gesetzmäßigkeit, die uns das Leben und den Tod verleiht, allumfassend in unser Tatsächliches einschneit mit einem unfehlbarem Gespür für Wahrhaftigkeit, und sie unterwirft uns dieser Gesetzmäßigkeit. Die innere, für manche die zweite Stimme, ist die tiefere, die Empfindung, die erste. Unser hoher Verstand ist das aller unterste im Bewusstsein des Berggipfels, den ich erklimme, und der stets sagt: folge nur deiner inneren Stimme. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GRAFFITI

Wie viel Drang, wie viel eingesperrtes, angestautes geistige Leben zwang die Seele dazu, derart intensiv Lautes gegen die Weltenwände zu schreien wie ein Hilfe- und Sucheruf aller Unfreien? Sie tobt und tobt und tobt sich aus ohne Befriedigung - Sie wird erwachsen, verlässt das Elternhaus, zwingt sich zur Ermässigung. Wartet nun Jahre später hier auf die Sbahn und starrt schweigend ihre alten Graffitis an. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
IMMER DA
Das, was Du nie siehst weil es unsichtbar und so fremd ist… An dem Du Dich aber hoch ziehst unbewusst, weil es stets da und nah ist… Was Du nicht begreifen kannst, weil es einfach und allem übergeordnet ist… Das, was Du nicht ahnst, weil es selbstverständlich doch nicht oberflächlich ist… Das Vorhandensein von Gott - Das Empfinden der Tatsache, daß Gott ist. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
EIN LEBEN, DAS ZÄHLT
Lass es zählen Es könnte Dein letztes Erdenleben sein Lass es zählen Nicht alles zählt, was es anzubieten hat Aber alles, was zählt, hat es anzubieten Den Unterschied erfährt man in der Tat Mit Dir Zeit lernen wir erfassen, was zu nehmen und was zu lassen, Schmerz zu empfinden ohne zu hassen Es könnte der Anfang der Zukunft sein Oder die Fortsetzung der Vergangenheit Lass es zählen, Dein Erdendasein. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
HINWEIS DES GEISTES
Wenn Geselligkeit einsamer macht als Alleinsein Wenn Gespräche weniger sagen als Schweigen Wenn Nachsicht einengender wirkt als Strenge will Dein Geist Deinem Verstand etwas zeigen Schaue, siehst Du jene Linie dort? - Nein, ich sehe sie nicht. - Eben. Ich schon. Hier ist ein Ort der eingeschränkten Sicht. Du wirst schauen ohne zu sehen und ohne dies je zu wissen. Die Botschaft wirst Du nicht verstehen ohne Empfindung und Gewissen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
