ERKENNTNISSE EINES HERUMREISENDEN

Wir gehen runter
und tauchen auf -
Jede Altstadt wird bunter
beim neuen Umlauf.

Die Strassenstimmen
in unterschiedlichen Sprachen -
Und dennoch, sie stimmen,
ob sie weinen, ob sie lachen,

stimmen sie überein
mit allen Strassenstimmen weltweit.
Die innere Stimme ist niemals allein
Inmitten der Menschheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WENN SCHNEE EINEN FLUSS BERÜHRT

Wenn Schnee einen Fluss berührt
Wie Gedanken zurückgeführt
Zum Ausgangsort und -zustand
Durch der Natur unsichtbarer Hand,
Denke ich darüber nach:
Ob Meer oder See oder Bach,
Ort des Geschehens bleibt gleich,
Weiher, Fluss, Ozean oder Teich,
Eisig und hart, flüssig, durchlässig, weich,
Es ist alles das magische Wasserreich,
Wo alles stets in Bewegung bleibt,
Mit und gegen alles fließt und sich reibt,
Ständig ankommt, ständig weitertreibt -
Ne, Ort des Geschehens bleibt nimmer gleich.

Kein Gedanke kehrt unverändert zurück
Zum unveränderten Entstehungsheim.
Schlimmer oder besser geworden ein Stück
Findet sich alles wieder zusammen im Schlussreim.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDULDIG SUCHEN

Ich suche manchmal
geduldig
über Jahre und Jahrzehnte bewusst
und beständig
die Antwort auf eine winzige Frage
die ich in mir trage.

So winzig,
Du könntest denken:
witzig!,
was ist das denn!?
Das ist meine Sehnsucht nach Klarheit,
meine Bedürfnis nach Wahrheit.

Und ich kann warten
still, geduldig,
auch wenn ich äußerlich herumtreibe,
beschäftigt,
die Antwort erhaltend langsam
in Schritten klein und groß gleichsam.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FERN VON GESTERN

Ein langer Weg trennt mich vom letzten Jahr.
Seltsam, es war ja erst gestern -
Doch die Nacht, der Schlaf, die tausend Träume
zwischen den Mitternachtsglocken und dem Morgenstern
waren eine riesengroße weitenumspannende Brücke,
ein großer steinerner Bogen, über den ich schritt
wie ein Reisender auf der Suche nach Klarheit und Glücke
von Gipfel zu Gipfel sich tapfer durchkämpft
über Täler und Schluchten und tiefe, weite Klüfte
stets die Gegenwart sucht. Gestern war vor tausend Jahren,
letztes Jahr ist vergangen. Seelenfenster auf! Ich lüfte!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEMUT

Hast Du dieses Jahr
irgendjemandem
Deine Wahrheit gesagt?
Irgendjemanden
nach seiner Wahrheit gefragt?
Bald geht das Jahr zu Ende.

Was habe ich gelernt?
Es ist schwer,
das Höchste auszuleben;
denn es ist schwerer,
daß Du falsch lagst zuzugeben
als dran zu halten bis zum Ende.

Demut. Ein kleines Wort,
ein hoher Berg.
Erst auf der anderen Seite
dieses Bergs
erwartet uns, uns zum Geleite,
das Wissen zur wahren Zeitenwende.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES KOMMT AUF DAS INNENLEBEN AN

Wer lang genug lebt,
hat genug Sommer erlebt
und genug Winter,
um zu wissen, wie ähnlich sie sind,
nur mal kälter mal wärmer der Wind,
doch nicht das Wesen dahinter.

Das Herz wird frieren,
wenn wir Liebe und Hoffnung verlieren
in jeder Jahreszeit.
Und wärmer wird das Herz,
überwindend Einsamkeit, Verlust und Schmerz,
strebt es allezeit
nach Wahrheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BÜCHER OHNE ENDE GELESEN

Bücher ohne Ende gelesen
Doch kein Buch so tief wie eine Menschenseele.

Filme ohne Ende gesehen
Doch kein Film so reich wie ein Menschengeist.

Immer wenn sich mir ein Mensch öffnet,
flüstert meine Seele: ja, weiter, erzähle!

Ich verstehe Deine Geheimnisse besser
Als alles, was mir die sichtbare Welt beweist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KALTES DEZEMBERENDE

Der Schal, dicker, enger angebunden;
Mein Hals, der im Sommer die Lüfte liebt,
versteckt sich in diesen Winterstunden
vor beißenden Zähnen, scharfen Zungen
fremder Durchreisenden einst geliebt.

Unbeliebte Zitterpartie. Mit eisigen Händen
umfassen sie mich in nebligem Würgegriff.
Ich höre, sehe unscharf das Jahr enden.
Ich rieche, ich schmecke weiche Lenden.
Schnee brächte jetzt den letzten Feinschliff.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AN MEINE SCHWARZEN KINDER – (2)

Generationen -
Gegossen in die Abzweigung
sich widersprechender Nationen.
Gefangen im Scheinwerferlicht der Ent-Scheidung.

Gemischte Rassen -
im Blut und/oder im Kopf vermischt.
Beidseitig lieben, was beide Seiten hassen.
In Euch ist mein Licht, das niemals erlischt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNWIRKLICH DU

Jeder, der Dich vermisst,
vermisst einen anderen Menschen -
So viele Menschen bist Du.

Und wenn sie über Dich reden,
reden sie nur zur Hälfte von Dir,
zur anderen Hälfte jeder über sich.

Tief in Dir, wo Du allein bist,
ganz am Anfang, als Du allein warst,
wer war - wer bist - Du?

Und wenn Du kommst,
wirklich kommst, wirklich Du,
möchte jemand Dich?

Und wenn Du gehst,
wirklich gehst, wirklich Du,
vermisst jemand Dich?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung