UNIFORMEN

Die Uniformen
Verdecken die Unterschiede lang genug
Bringen ihre Träger einander nah genug
Um die Unterschiede klar genug zu sehen
Jetzt sind sie fassbar genug zu verstehen
Hinter den Normen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

WEIHE NACHT, NACHGEDACHT

Wenn die letzte Stimme verhallt ist,
Wenn die letzte Glocke schweigt,
Wenn das letzte Lächeln gemalt ist,
Wenn der letzte Mitreisende aussteigt…

Wenn die Heiterkeit gestanden schmeckt,
Wenn die Freundlichkeit hohl wird,
Wenn das, was sich dahinter versteckt,
Seine wahre Absicht endlich erklärt…

Ich hab‘s viel zu häufig erlebt -
Menschen, die vertraulich näher kommen,
Und haben dabei nur darnach gestrebt,
sich selbst zu finden, mich ausgenommen.

Ist das schlecht? Wahrscheinlich nicht.
Weniger zu finden ist besser als gar nichts.
Doch mich schmerzt es, mit schweigendem Gesicht
Sie gehen zu lassen ohne mein wahres Gedicht.

Der Widerspruch liegt in der Tatsache,
Dass dies überhaupt gesagt werden muss:
Das Höchstwertige hält schweigsam Wache,
Ungesehen, ungehört, kein Wink, kein Gruß.

Jedes Jahr kommt Weihnachten erneut,
Steht beiseite, allein, beobachtet bei gross und klein
Wie der Mensch sich beschenkt, feiert und freut,
Dann geht es wieder ohne verstanden worden zu sein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HIER, JETZT, IN DER GEGENWART

Der größter Streich der Zukunft
Besteht darin, uns glauben zu lassen,
Sie befindet sich in der Zukunft,
Obwohl sie hier ist, jetzt, in der Gegenwart.

Die größte Tarnung der Vergangenheit
Ist eben das Antäuschen des Vergangen-seins.
Sie ist aber hier, jetzt, in der Gegenwart;
Sie ist nicht in der Vergangenheit zurück geblieben.

Denn Zeit existiert nur einmalig
Und zwar hier, jetzt, in der Gegenwart.
Was ich heute habe, in diesem Moment,
Ist alles, was ich habe.

Und hier, jetzt, in der Gegenwart
Ist dieser Gedanke, Hülle einer Empfindung,
Ist dieses Gedicht, Ausdruck einer Erkenntnis,
Ist dieser Mensch, Träger eines ewigen Dranges.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HAUSGEMACHTES WEIHNACHTEN

Alt wie Wein
Wird das Jahr nun
Süßer auch?
Reif mit dem zwölften Monat
Und elf Erinnerungen
Wir teilen lachend die Freude
Schweigend den Schmerz
Des Jahres.
Teilen ist heilen
Herzen sind Kerzen
Dezember, Lichtspender
Weihnacht, hausgemacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

KAPAZITÄT ZUR EINSAMKEIT

Er sitzt, überwiegend allein,
in seinem Internetcafé.
Er grüßt, lächelt, kommt rein!,
nippt an seinem Kaffee.
Er grüßt, lächelnd, Auf Wiedersehen!,
und ist wieder allein.
Die Stunden, die täglich vorbeigehen,
markieren in Einsamkeit sein Sein.

Selbst ist der Gesprächspartner
Sich selbst der einzige Berater
Sein Internetcafé sein Lebenstheater.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE FÜNFTE KERZE

Die erste Kerze war die Ankündigung -
Öffne und bereite langsam Deine Empfindung.

Die zweite Kerze war die Erinnerung -
Es war einmal, uralt, wie die Morgendämmerung.

Die dritte Kerze war die Vorbereitung -
Licht oder Dunkel, es ist Deine Entscheidung.

Die vierte Kerze war die Krönung -
Das Kreuz, die Kreisschliessung, die innigste Ahnung.

Die fünfte Kerze ist Dein innerer Advent -
Die geistige Flamme, die in Deiner Seele brennt.

Fünf Kerzen zu Weihnachten
Wahre Liebe bei den Andachten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WO SIND UNSERE FLAMMEN?

Die Kälte, wie eine blasse Wand,
schiebt sich durch die Gassen,
bringt uns zusammen und trennt uns
gleichzeitig, entsprechend unserer Klassen.

Du wusstest nicht,
dass Du zu einer Klasse gehörst,
bis angewidert jemand Dich hochnäsig meidet.
Du wusstest nicht
dass Du einer Klasse angehörst
bis Du jemand siehst, der schlimmer leidet.

Dann klingelt es leise im weihnachtlichen Nebel.
Angeblich ist es die Zeit, Licht zu teilen.
Meine Flamme Dir, Deine Flamme mir -
zusammen können wir uns gegenseitig heilen.

Angeblich. Doch die Kälte, Mantel der Angst,
legt sich auf jeden von uns nieder,
uns von einander trennend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BAHNHOFSVIERTEL 1

Eine Wechselstube am Hauptbahnhof
Der bedrückend foulste Gestank trat ein
Alle Kunden drehten sich erschrocken um
Starrten irritiert murmelnd die Quelle an

Eine Weiße drückte die Hand vor die Nase
Eine Asiatin drückte die Hand vor die Nase
Ein Araber drückte die Hand vor die Nase
Ein Schwarzer drückte die Hand vor die Nase

Der Verursacher des üblen Gestanks
Holte etwas vom Schalter, ging wieder
Er war weder weiß noch asiatisch
Noch arabisch noch Schwarz

Er war obdachlos.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINFACH WEITER SCHREIBEN

Das Gedicht endete so schnell,
So plötzlich, brauchte keinen Reim,
Ein Leben, intensiv und hell,
Bald ist der Geist wieder Daheim.

Meine allergrößte Schwäche
Ist die lebenslange Unfähigkeit,
Zuzugeben meine größte Schwäche:
Die unheilbare Einsamkeit.

Kein Fremdland kann einsetzen,
Was in der Heimat fehlt -
Kein Fremdgang kann ersetzen,
Was Dir die Ehe stehlt.

Und währenddessen endet
Das Gedicht insgeheim.
Dein Schmerz hat Dir geblendet -
Es hatte doch seinen Reim.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TIEFE GEHT VERLOREN

Grüne Felder und uralte Bäume sind
Nicht mehr schön genug -
KI kann das alles besser abbilden.
Wer braucht denn noch die echte Natur?

Floskeln reichen. Sprüche und Clichés.
Mit Bildbearbeitungsprogrammen
Ist jeder Mann, jede Frau, wunderschön.
Wer braucht denn noch die wahre Schönheit?

Eitelkeit lohnt sich.
Wird mit Millionen leeren Komplimenten belohnt.
Immerhin Millionen. Besser sein als andere
Macht uns alle schlimmer als alles andere.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung